Match um die Macht

18. Oktober 2002, 19:56
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Schlechte Zeiten für Männer: Alle Parteien präsentieren sich "weiblicher". Auch für Firmen sind rein männliche Vorstände kein Renommee mehr.

Die Schallmauer ist durchbrochen: Neuesten Statistiken zufolge schließen bereits mehr Frauen als Männer in Österreich ein Studium ab. Die besseren Noten bekommen Mädchen ohnehin seit langem. Und in der Werbung werden Männer mittlerweile kaltblütig "wisch und weg" streifenfrei entfernt.

Auch im heurigen Wahlkampf ist intensiver als sonst die Suche nach Powerfrauen ausgebrochen. Im Kampf um den sicheren Listenplatz müssen immer mehr Männer zittern. Und maulen - allerdings nur hinter vorgehaltener Hand - über erlittenes Unrecht wegen der weiblichen Aufholjagd. Das "Reißverschlusssystem" (Mann, Frau, Mann, Frau) ist nicht mehr nur bei den Grünen salonfähig. Denn die Parteien wissen genau, dass es out ist, ein rein männliches Spitzenteam in die Wahl zu schicken.

Daher stellt Wolfgang Schüssel gern seine "Liesl" Gehrer ins Rampenlicht, die ansonsten männerbündische FPÖ hat Magda Bleckmann zurückgeholt, bei den Grünen wird Eva Glawischnig fast schon mehr als Van der Bellen aufs Schild gehoben, und die SPÖ hat diesmal die 40-Prozent-Frauenquote nicht nur versprochen, sondern auf ihren Wahllisten auch verwirklicht. "Es hat sich einiges bewegt, weil es sich bewegen hat müssen", konstatiert Ex-SPÖ-Frauenministerin Johanna Dohnal trocken.

Männerpool ausgereizt

Diese Bewegung ist kein Wunder, glaubt die Wiener Politologin Henriette Riegler, die gerade eine Veranstaltungsreihe über "Frauen in der Politik" leitet: "Das Potenzial bei den Männern ist ausgeschöpft, diesen Personalpool haben die Parteien ausgereizt. Daher kommen Frauen zum Zug. Zudem gibt es viel mehr qualifizierte Frauen als früher. Außerdem akzeptiert die Öffentlichkeit keine allzu männliche Partei mehr."

Trotz Konjunkturflaute haben Frauen gute Karten im Karrierepoker - nicht zuletzt deswegen, weil Männer immer weniger Lust auf traditionelle Management-Karrieren haben, sagt ein Bank-Personalchef, der - offenbar aus Angst vor männlicher Rache - ungenannt bleiben will. Dieser männliche Postmaterialismus müsste den Frauen nutzen. Trotzdem sind sie in den Führungsebenen der Wirtschaft dünn gesät - noch? Junge Bewerberinnen haben eine "gefestigtere Persönlichkeit" als Männer, sagt der Personalchef. Und später? "Sie agieren weniger kumpelhaft, gehen schnurstracks ihren Weg und sind weniger bereit, Grundsätze am Altar des Pragmatismus zu opfern."

Gerangel um Jobs

Das kann die Personalberaterin Gundi Wentner zwar unterschreiben. Die besseren Karrierechancen für Frauen sieht sie allerdings nicht: "Auf dem knappen Arbeitsmarkt gibt es ein Überangebot, auf eine Stellenausschreibung melden sich bis zu 200 Hochqualifizierte. Und da kommen Frauen schwer zum Zug." Im Gegenteil: "Die Frauenfeindlichkeit in Österreichs Unternehmen ist nicht nur latent, sondern offen sichtbar. Eine junge Frau wird nicht genommen, weil sie ja angeblich bald Kinder bekommt - und eine Frau ab 40 gilt als zu alt."

Zumindest nach außen wirbt man jedoch um Frauen: So hat Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl angekündigt: "Bei der nächsten WK-Wahl brauchen wir Junge und Frauen." Kein Wunder: Gehen doch schon ein Drittel der Firmenneugründungen in Wien auf das Konto von Frauen. Für die Zukunft ist Wentner auch optimistischer: "Es gibt mittlerweile eine ganze Menge junger hochqualifizierter Frauen. Und die zeigen mehr Einsatz als Männer."

Doch in den Führungsetagen dominieren immer noch Anzüge und nicht Kostüme. Aber selbst der langsame Vormarsch der Frauen reicht, um Männern vor der Konkurrenz Angst zu machen. Dieses Rückzugsgefecht des einst starken Geschlechts geht nicht ohne Blessuren ab. Männerforscher Wolfgang Schmale beobachtet eine "krisenhafte Wandlung". Man müsse sich um die Männer nicht direkt sorgen, aber "um sie kümmern", speziell um die Buben. Sie werden neue Rollen akzeptieren müssen, aber es werde ihnen noch kaum vorgelebt, "wie man als zukünftiger Mann leben kann".

Das "Um-sie-Kümmern" hält auch die Innsbrucker Uni-Professorin Claudia von Werlhof für wichtig - allerdings bei Frauen. Denn: "Es gibt mehr Absolventinnen, die Frauen drängen von unten nach. Das Nachdrängen von Frauen wird aber von oben gebremst." Um diese Bremsklötze wegzuräumen, gibt es an der Uni Wien ein Mentorinnenprogramm, bei dem Frauen anderen Frauen auf dem Weg nach oben helfen.

Damit nicht jetzt, nach dem Durchbrechen der Schallmauer, der Vormarsch nur im Schneckentempo verläuft.

(Eva Linsinger Martina Salomon - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 19./20.10.2002)

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    Im Rennen um die Macht sind immer öfter die Frauen vorne
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