Graz, Zentrum der Weltreligionen

18. Oktober 2002, 19:33
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Interreligiöser Dialog zwischen Vertretern des Christentums, Islams, Buddhismus, Hinduismus und Judentums

Graz - 37 Jahre verbrachte der Tibeter Takna Jigme Sangpo in chinesischer Haft. Ende Mai war der heute 74-Jährige wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustandes und internationalen Drucks entlassen worden. "Ich glaube noch immer an die Freiheit Tibets. Die Wahrheit ist auf unserer Seite", sagte Sangpo Freitag in Graz. 140 Schicksalsgenossen musste er in dem Gefängnis zurücklassen.

Sangpo arbeitete als Lehrer, als die Chinesen in Tibet einmarschierten. Zwar war er nie bei einer politischen Organisation tätig, doch ließ er sich trotz der Besatzung in seinem Land seine Meinung nicht verbieten. "Ich habe Poster auf die Wand geklebt und bin für eine freies Tibet eingetreten", erzählte der 74-Jährige. Sein Engagement bezahlte Sangpo mit Gefängnis.

In Graz ging für den 74-Jährigen nun ein Lebenstraum in Erfüllung: Der Tibet-Aktivist traf auf den Dalai-Lama, sein geistiges und spirituelles Oberhaupt, der sich am Freitag mit Vertretern anderer Weltreligionen zu einem interreligiösen Dialog und Gedankenaustausch getroffen hatte. Zum Thema "Frieden in der Welt" begrüßte der Dalai-Lama Freitagnachmittag auch den ehemaligen britischen Barden Cat Stevens, der sich seit seinem Übertritt zum Islam Yusuf Islam nennt. Gemeinsam wurden am Grazer Schlossberg Texte aus verschiedenen heiligen Büchern wie etwa dem Koran gelesen.

Neben dem Dalai-Lama und Cat Stevens sprachen auch der evangelische Superintendent Hermann Miklas für das Christentum, Swami Amarananda für den Hinduismus und Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg für das Judentum in der Welt.

Bereits am Donnerstagabend fand ein interreligiöser Diskurs in Graz statt, bei dem Vertreter des Christentums, Islams, Buddhismus, Hinduismus und Judentums ihren möglichen "Beitrag zum Frieden" diskutierten. Die einzige Frau am Podium war die Moderatorin des Abends, Ursula Baatz vom ORF. Diese räumte ein, dass - neben weiblichen Diskutierenden - auch viele Religionsgemeinschaften, wie etwa Stammesreligionen, die einen großen Prozentsatz der Weltbevölkerung betreffen, fehlten.

Das Zusammentreffen fand auf Initiative des Grazer Bürgermeisters Alfred Stingl statt. "Eine derartige Veranstaltung ist derzeit in kaum einer anderen Stadt zu realisieren", betonte er. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 10. 2002)

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    Yusuf Islam aka Cat Stevens (links) und der Dalai Lama

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