Die Geschmacksverstärkerin

19. Oktober 2002, 16:42
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Noch bis einschließlich Sonntag, 18 Uhr: Messe "kunst wien"

Lampen, Hocker, Teppiche und Sessel: Dinge, die man kaum auf Kunstmessen erwartet. Nicht so bei der heurigen kunst wien, dem Zeitgenossen-Forum im Wiener Museum für angewandte Kunst. Bis einschließlich Sonntag hält sie natürlich auch Klassiker in Form von Malerei parat. In obigem Falle handelt es sich nicht um bloße Objekte, vieles ist eine spielerische Kombination aus Design, Möbel-Objekt und Skulptur.

Franz West hat das ja seit Jahren bravourös vorexerziert, und hat jetzt die Galerie Hummel mit einem ganzen Environment aus Bild, Skulptur und Möbel bestückt. Bei Thoman/Innsbruck sieht man einen seiner Armsessel in Kombination mit einer roter Lampe; dazu passt eine riesige Teppich-Rolle von Michael Kienzer. Gleich daneben bei Insam erspäht man durch Peter Sandbichlers Sixties-Holzwand Manfred Erjautz' Designer-Babys. Das Baby findet übrigens (bei Chobot) eine Entsprechung bei einer Skulptur des auf dieser Messe omnipräsenten Bruno Gironcoli - allerdings ist das dort Lots Frau. Gironcoli bei Hofstätter/Wien ist Weltklasse, einer der besten Stände der Messe.

Weitere Kunst-Inneneinrichtungen genehm? Etwa die für 5000 Euro erhältliche, absurde Lampe von Hans Weigand bei Senn, der monströse Plüschtiersessel von Gelatin (Meyer Kainer) oder die plastik-pinküberzoge Sofalandschaft von Werner Reiterer bei Lendl/Graz? Pflanzen und Kunst steuert etwa Cerith Wyn Ewans bei Kargl bei, inklusive einem Ballon als Filmprojektionswand. Fetischhafte Hocker stellt Ulrike Lienbacher zu Krinzinger, Matthias Hammer einen optischen Geschmacksverstärker zum Projektraum Viktor Bucher/Wien. Ein mit 4000 Euro angeschriebener "Besucherteppich" (terranian visitor, soylent green) wartet bei Christine König auf Käufer.

Aber es gibt natürlich auch andere Konzepte auf dieser im Großen und Ganzen erfreulichen kunst wien, die nach Eliminierung der lichtschluckenden Stoffwände und durch die offenere, großzügigere Präsentation überzeugt. Da wären etwa mutige One-Man-Shows, etwa Goeschl bei Lindner/Wien oder Gunter Damisch bei der Klagenfurter Galerie 3.

Hübsche Präsentationen kommen etwa von den beiden ruralen und doch so internationalen Galerien 422 aus Gmunden und Artmark/Spittal am Pyrn. Die Galerie Jünger aus Baden bei Wien ist mit ihrer Themenschau "Still Leben" eine Klasse für sich, ebenso Amer Abbas kunstbureau mit einem lebendigen Stilmix - ideal für angehende Sammler. Schrill und popig nach dem fetischierten Starprinzip tanzt auch der Stand von Ropac auffällig (angenehm) aus der Reihe, etwa mit Silvie Fleurys Pendel-Skulptur und den Neon-Malereien des Schweizers Lori Hersberger. Überraschende Arbeiten bekannter Künstler fallen bei Walker auf, bemalte Spielkarten von Hans Bischoffshausen aus den 70er Jahren (Serie 8000 EURO), oder auch erstmalig drei Aquarelle der Videokünstlerin Anna Jermaolewa aus 2000 (mezzanin), die gleich auf der Vernissage für je 1600 Euro abgegeben wurden. Seltenheitswert haben die Skulpturen von Maria Lassnig bei Ulysses/Wien.

Malerei kommt von Arnulf Rainer, von Hans Staudacher, von Akos Birkas (Knoll) oder von Robert Zandvliet und Herbert Brandl bei Nächst St. Stephan. Ein neues Bild der ehemaligen "Wirklichkeiten"-Künstlerin Martha Jungwirth bietet Hohenlohe & Kalb für 7500 Euro.

Die stellenweise inflationäre tableauartige Fotografie hält sich dankenswerterweise von der kunst wien fern. Wenn Fotografie, dann etwa in der klassischen Art wie bei Faber - der beispielsweise einen untypischen, frühen Willam Wegman zeigt (7500 EURO) -, oder in elaborierten Kompositionen eines Gregor Zivic bei Janda (3500 EURO, 3er-Aufl.), "One-Minute-Sculpture"-Kompositionen von Erwin Wurm (Krinzinger) oder in urkomischen Inszenierungen von Matthias Herrmann (Steinek).

Bei Faber, der am Eröffnungsabend u.a. einen frühen, guten Newton verkaufte, stößt auch aufzwei hervorragende Farb-Portraits von Andy Warhol, jeweils um 3100 Euro, fotografiert von Philippe Halsman.

Die achte kunst wien: die beste in ihrer Geschichte. Ob deshalb mehr gekauft wird, das steht auf einem anderen Blatt.(Doris Krumpl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2002)

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    grafik: kunstwien
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