Grand Prix der Erfolgsmusik

20. Oktober 2002, 20:52
posten

Geiger Maxim Vengerov beglückte seine Gemeinde im Wiener Musikverein

Wien - Die Onemanshow neigte sich ihrem Ende zu, der Branchenprimus gab noch einmal Gas, und unvermittelt stand da plötzlich die Frage im Raum: Ist Maxim Vengerov der Michael Schumacher des Klassikzirkus? Es scheint so. Beide Mannen beherrschen ihr Arbeitsgerät weltmeisterlich. Die Skalenläufe absolvierte der Novosibirsker so präzis und hochdrehmomentig wie der Kollege aus Kerpen seine Runden am Rennring.

Die Zwischenmoderationen seines Solorecitals erledigte der Schwarzgewandete so artig-nett wie der Flitzer in Rot seine Pressekonferenzen. Die Frage aller Fragen nun: Ist Vengerov in seinem Tun denn auch so glatt, so berechenbar wie der Deutsche? Er ist es.

Der 28-Jährige gab einen Soloabend mit Bach als Beginn und Mittelpunkt, Ysaye (mehrmals) und Schtschedrin folgten. Den Bach, eine Bearbeitung der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565, spielte er aufgrund der "Erkrankung" seiner Barockgeige auf seiner Stradivari, den Bogen druckvermindernd nicht beim Frosch, sondern eine Daumenbreite weiter Richtung Spitze fassend.

Der schlackenlose Barockton: Vengerov kann ihn. Betreffs der Bewältigung der nachfolgenden Virtuosenmarathonstrecke gilt Schumacherisches: Natürlich kann das so wahrscheinlich niemand besser. Und trotzdem: Bei der letzten Ysaye-Sonate hatte man sich sattgestaunt am perfekten formeleinsigen Nacheinander der vielen Turbocrescendi, -rubati, -staccati und -accellerandi. Zusätzliches Minus: Selbst die extremste Negativemotion bleibt bei Vengerov letztlich eine glattgebügelte, bravbubige und unhässliche. Zu glatt, um langfristig interessant, zu schön, um wahr zu sein.

Bei der zugegebenen "Balalajka" bewies das Publikum Fachkenntnis, das Stück nach einem Dominantseptakkord als beendet zu wähnen; Vengerov hatte alle Hände voll zu tun, den Applaus zu kalmieren, um noch mit der Tonika finalisieren zu dürfen. (end/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2002)

Share if you care.