Choreografie, in den Raum gestellt

18. Oktober 2002, 23:07
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Das Tanz*Hotel in der Tanzhalle Wien, das Tanztheater Wien im Tanzquartier

Wien - Nach Sebastian Prantl, Manfred Aichinger und Elio Gervasi ist Bert Gstettner der vierte Choreograf, der sich den riesigen Dimensionen der 1000 Quadratmeter großen Tanzhalle Wien (im 3. Bezirk) stellt: Er bietet mit seinem Ensemble, dem Tanz*Hotel, zwei Nutzungsvarianten an.

In Suite zu Max Regers Mozartvariationen sitzt man einer von weißen Hängeplatten umgrenzten Miniaturbühne gegenüber. Knapp gefasst, greift Gstettner darin Bewegungselemente aus den einzelnen Epochen der amerikanischen Modern-Dance-Geschichte auf, reiht diese zur dynamischen Folge und veredelt den dynamischen Fluss mit dem für ihn so typischen skurrilen Humor, wie er sich grade in der Handhabung der exzentrischen Requisiten und Kostümkörper äußert.

Prägnante visuelle Akzente bestimmen auch Große*Fuge, gestaltet zum Finalakt von Günther Rabls monumentalem Musikwerk Katharsis. Nun kommt die große Halle zur Geltung, das Geschehen spielt sich auf einer breiten Kreuzbahn ab. Auf dieser rasen die sechs Tänzer hin und her, füllen den luftigen Klangraum in der Horizontale wie in der Vertikale, präsentieren sich auf Stelzen oder am Seil hängend. Vor allem aber sind es die ungemein ideenreich choreografierten, puristisch ausgeführten Tanzpassagen, die in diesem Konglomerat aus extremer Bewegung und stiller Form beeindrucken.

Im Tanzquartier, Halle G, sind noch heute, Samstag (20.30 Uhr), neue Arbeiten vom Tanztheater Wien zu sehen: Liz King lässt in fake space zwei Tänzerpaare, geleitet von einer japanischen Schauspielerin, innere und äußere Räume erkunden. Zu Texten von Paul Auster und zum Sound von Andreas Schindler gibt man sich psychischen Ausnahmezuständen hin. Beziehungskonflikte bestimmen die Pas de deux, in denen die ausdrucksstarken Tänzer auch wieder einmal Emotionen preisgeben dürfen.

Vordergründig eher dem Spiel und Sport verbunden ist Milli Bittleris Franz tanzt in Wien. Das Ensemble agiert anscheinend nach bestimmten Struktur gebenden Regeln, die sich aus der Ferne nicht entschlüsseln lassen. Als Gruppe spielt man unter sich, reagiert blitzschnell aufeinander, betont die physische Aktion. Aus dem Spaß wird Ernst, das Nachlaufen zur Flucht in die Sitzreihen, wo ein Flugzeugabsturz simuliert wird. Ein beängstigendes Finale! (Ursula Kneiss/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2002)

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