Geiselnehmer: Als Schüler ganz normal

21. Oktober 2002, 14:20
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Psychologen betreuen Betroffene der Friedensschule von Waiblingen

Waiblingen/Stuttgart - Der Geiselnehmer von Waiblingen hat offenbar nicht aus Hass oder Rache gehandelt. Die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU) sagte am Montag in Stuttgart, der 16-Jährige habe keine erfolglose Schulkarriere durchlaufen. Er sei nicht sitzen geblieben "und hatte einen guten Draht zu den Lehrern." Der frühere Schüler der Friedensschule hatte am Freitag - bewaffnet mit einer Luftpistole - vier Kinder im Alter von elf und vierzehn Jahren sechseinhalb Stunden in seine Gewalt genommen. Das Drama endete ohne Blutvergießen.

An der Schule begann am Montag der Unterricht mit einer Andacht, wie Schulleiter Bernd-Günter Barwitzki berichtete. Dann seien die Betroffenen von Psychologen betreut worden. "Wir hatten einen unheimlichen Gesprächsbedarf." Die ganze Woche soll zur Aufarbeitung der Geschehnisse benutzt werden. In der Grundschule wurden die Klassen zunächst nur vom Klassenlehrer betreut.

"Gewalt wird von außen in die Schule hineingetragen, denn die Friedensschule ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft", schrieb der Schulleiter in einem Elternbrief. Als Schulgemeinde helfe nur der Weg der Prävention. Die Umsetzung des Streit-Schlichter-Programms sei dazu ein wichtiger Beitrag.

Schule nach Wohnortwechsel verlassen

Der Geiselnehmer besuchte die Friedensschule. Auf Grund eines Wohnortwechsels hatte er die Bildungseinrichtung verlassen. Der Rektor seiner letzten Schule, Ulrich Schnelle, sagte, der 16-Jährige habe recht positive Leistungen gebracht. Er sei nicht negativ aufgefallen. Er habe als treibende Kraft des Streit-Schlichter-Projekts der Schule gegolten. In dem Programm wird an baden-württembergischen Bildungseinrichtungen versucht, die Fähigkeit von Schülern zu verbessern, mit Konflikten angemessen umzugehen.

Die Polizei geht vorläufig beim Motiv für die Geiselnahme von einem gesteigerten Geltungsbedürfnis des Jungen aus. Der baden-württembergische Landespolizeipräsident Erwin Hetger sagte den "Stuttgarter Nachrichten", der Schüler "hatte nie die Absicht, jemanden zu töten oder Gewalt anzutun." Es sei daher unzulässig, den Fall mit dem Blutbad in Erfurt zu vergleichen. (APA)

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    foto: friedensschule
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