"Süddeutsche Zeitung" veröffentlicht "Österreichisches Vokabelheft"

18. Oktober 2002, 16:01
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Schriftsteller Robert Menasse: "Man stelle sich das Gegenteil dessen vor, was man für logisch hält, und setze es als Normalität voraus"

München - Vor der Wahl in Österreich gibt der Schriftsteller Robert Menasse noch einmal einen Crashkurs in Sachen Landeskunde. Das Grundprinzip: "Man stelle sich das Gegenteil dessen vor, was man für logisch hält, und setze es als österreichische Normalität voraus." Hier einige Beispiele:

Man nennt ihn "Der-den-Führer-zähmte"

"Wie nennt man in Österreich den Spitzenkandidaten einer Partei, die in der Wählerzustimmung auf dem dritten Platz landet? Man nennt ihn Kanzler. Wie nennt man in Österreich einen Politiker, der vor Wahlen ankündigte, dass er in die Opposition gehen werde, wenn er nur Dritter werden sollte, und der sich dann, als er nur Dritter wurde, mit Hilfe einer international geächteten Pöbel-Partei zum Kanzler machen ließ? Man nennt ihn 'Reformpolitiker'. Wie nennt man in Österreich einen Politiker, der mit dem Führer dieser rechtspopulistischen Protestpartei eine Regierungskoalition eingeht und dann hilflos zuschaut, wie der rechtspopulistische Führer diese Koalition zertrümmert? Man nennt ihn 'Der-den-Führer-zähmte'!"

Mehrheitsgeber

"Der Führer zähmende 'Reformpolitiker', der sich als Dritter der Wählerzustimmung das Kanzler-Amt erschlichen hat, gibt bekannt, dass er leider Neuwahlen ausschreiben müsse, weil ein ressentimentgeladener Chaotenhaufen, nämlich sein Koalitionspartner, abgesprungen sei - und fügt hinzu, dass er nach der Wahl am liebsten ebendiese Koalition fortsetzen möchte (...) Wie reagiert die öffentliche Meinung in Österreich auf den Vorschlag, durch Neuwahlen jene Regierung zu bestätigen, die diese vorzeitigen Neuwahlen notwendig gemacht hat? Sie gibt, laut Meinungsumfragen, diesem Politiker, der eben noch abgeschlagen Dritter in der Wählerzustimmung war, die Mehrheit, die besten Zustimmungsdaten für seine Partei seit sechsunddreißig Jahren (...)"

Karikatur

"Was aber wird berichtet, wenn der Spitzenkandidat der Sozialdemokratie - die nicht nur die große Oppositionspartei, sondern nach den letzten Wahlen die größte österreichische Partei ist - Vorschläge macht? Man berichtet zynisch über seine Frisur, seine Physiognomie und die Farbe seiner Aktentasche. Man macht ihn so lange zur Karikatur, bis man tatsächlich 'berichten' kann, dass dieser Mann 'leider bei der Bevölkerung überhaupt nicht ankommt'. Wie nennt man einen grünen Abgeordneten, der Zeuge wird, wie Polizisten einen Demonstranten verprügeln, und die Polizisten auffordert, diese Übergriffe zu beenden? Man nennt ihn einen 'gewaltbereiten Chaoten'. Wie ist die Sprachregelung, wenn eine grüne Spitzenkandidatin die Asylpolitik des Innenministers ('Asylsuchende können bei uns auf Matratzen im Freien übernachten') als 'stramm rechts' bezeichnet? Man sagt, dass sie 'Porzellan zerschlagen' habe, ihre Partei also nicht regierungstauglich sei..." (APA/red)

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    montage: derstandard.at
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