Lokalaugenschein auf der Baumgartner Höhe

18. Oktober 2002, 15:50
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Asylwerber werden in einem aufgelassenen Pavillon notdürftig untergebracht

Wien - "Hotel mit Klimaanlage", feixt ein junger Kosovo-Albaner, als Journalisten Freitagvormittag in den Schlafsaal eines Notquartiers für gestrandete Flüchtlinge auf der Baumgartner Höhe geführt werden. Der Galgenhumor ist angebracht. Die Realität sieht so aus, dass in dem ehemaligen Spitals-Zimmer 26 Albaner bzw. Kosovo-Albaner in eng aneinander gereihten Betten vor sich hinvegetieren. Trotzdem haben sie "Glück" gehabt, wie einer von ihnen betont. Denn dank des Einsatzes der Hilfsorganisationen gehören sie zu jenen Flüchtlingen, die trotz der Entlassung aus der Bundesbetreuung wenigstens ein Dach über dem Kopf haben.

Die Gemeinde Wien hat Volkshilfe und Arbeitersamariter-Bund einen längst aufgelassenen Pavillon am Gelände des Psychiatrischen Krankenhauses auf der Baumgartner Höhe zur Verfügung gestellt. Dort wurden notdürftig ehemalige Patientenzimmer zu Schlafsälen umgewandelt. Drei Mal pro Tag gibt es für die 200 Männer und Frauen aus insgesamt 18 Nationen Essen.

Strikte Regeln

Wer in dem Quartier unterkommt, hat einigermaßen strikte Regeln einzuhalten. Die Essenszeiten sind mit 8.30 Uhr bis 9.15 Uhr, 12.00 -13.00 Uhr und 19.30 Uhr bis 20.30 Uhr genau fixiert. Drogen, Alkohol und Waffen sind absolut verboten. Auch wer über Nacht nicht im Haus ist, verliert seinen Schlafplatz. Anders könne man gar nicht vorgehen angesichts der immer neuen Asylwerber, die von der Obdachlosigkeit bedroht sind, erläutert ein Volkshilfe-Mitarbeiter.

Nightlife ist für die auf der Baumgartner Höhe Untergebrachten jedenfalls nicht angesagt. Der Pavillon 8 ist von 22 bis 7 Uhr früh geschlossen. Allerdings stellen diese Einschränkungen die meisten Betroffenen vor keine größeren Probleme: "Wo sollen wir denn hingehen? Keiner hat ein Geld. Wenn wir in den Bus einsteigen, kommt der Kontrollor. Aber wie sollen wir ein Ticket zahlen?", fragt ein 31-jähriger Kosovo-Albaner, der für 1.200 Euro von einem Schlepper per Lastwagen aus Italien nach Österreich gebracht wurde.

Durchhaltevermögen

Heimkehren will er ebenso wenig wie seine Zimmerkollegen. Man werde das Asylverfahren abwarten und erst dann - wenn nötig - die Rückreise antreten. Ob die Enge der Unterkunft auf Dauer auszuhalten sein wird? - "Ein Monat oder so werden wir schon durchhalten". Bisher haben die meisten von ihnen gerade einmal ein paar Tage in der Unterkunft verbracht. Zu tun haben sie nichts, arbeiten sei nicht erlaubt, und Freizeitaktivitäten können die ohnehin schon überarbeiteten Volkshilfe- und Samariterbund-Mitarbeiter ebenfalls nicht anbieten.

Aber es sind nicht nur Arbeit suchende Männer wie jene aus dem Kosovo, die im Pavillon 8 gestrandet sind. Eine allein reisende Chinesin bewohnt das Gebäude ebenso wie eine völlig ratlose Gruppe von Indern, die sich weder auf Deutsch noch auf Englisch verständigen können. Erst am Vortag war man eingetroffen, nun fragen die Männer aller Altersstufen verzweifelt nach Telefonkarten, um wenigstens daheim anrufen zu können.

"Hope and Wait"

Besonders drastisch ist der Fall einer Kleinfamilie aus dem Iran. In einem Zimmer von nicht einmal zehn Quadratmetern sitzen vor kahlen Spitalswänden Vater, Mutter und (Klein-)Kind. Vor zwei Jahren war dem Bruder des Teheraners in Österreich politisches Asyl gewährt worden, nun machte sich der 28-Jährige selbst auf den Weg. Ausgestattet mit gefälschten Visa kam man ins Land, um dann informiert zu werden, dass kein Platz mehr für Iraner in der Bundesbetreuung sei. Jetzt sitzt das zweijährige Mädchen mit einer verdrehten Puppe und einem kleinen Abakus auf dem Bett und starrt ins Leere. Kindergerechte Einrichtung wird nicht geboten. Der Bruder des Mannes hat keinen Platz für die Familie, einzig die Sanitäreinrichtungen in seiner Wohnung dürfen die jungen Iraner für das Mädchen verwenden.

Zurückkehren will und kann der Mann nicht. Im Iran würde ihn eine strafrechtliche Verfolgung erwarten, überdies sei das ganze Geld für die Visa ausgegeben worden. Die Frage, was er jetzt tun will, beantwortet er wie praktisch jeder der Flüchtlinge auf der Baumgartner Höhe: "Hope and Wait". (APA)

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