Als Kunde am Sozialamt

17. Oktober 2002, 20:18
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Betriebswirtschaftliches Denken als Chance oder Gefahr

Innsbruck - Der Klient wird zum Kunden, soziale Dienstleistungen werden zum Produkt. In der Sozialarbeit werden zunehmend betriebswirtschaftliche Kriterien angewandt. Denn wenn das Geld knapp ist, müssen sich auch die Sozialarbeiter einer Qualitätskontrolle unterziehen.

Die Bundestagung des Österreichischen Berufsverbandes diplomierter SozialarbeiterInnen hat sich daher dem Thema Qualitätssicherung in der Sozialarbeit gewidmet. Mit dem Saarbrückner Soziologen Bernhard Haupert und der Berliner Psychologin Marianne Meinhold wurden dazu kontrovers denkende Referenten eingeladen.

In einem neoliberalen Diskurs gehe verloren, was die Sozialarbeit im Kern ist, kritisiert Haupert und betont, dass diese sich nicht von der Thematisierung der Verteilungsfrage in einer Gesellschaft abkoppeln sollte. Als junge und ungefestigte Profession sei es der Sozialarbeit nicht möglich, sich in einem Satz darzustellen, meint Haupert.

Ökonomischer Vertrag

Er erinnert daran, dass Sprache zur Formung des Bewusstseins beiträgt: Der Kundenbegriff beinhalte einen "ökonomischen Vertrag", während in "Klient" die "Idee des Anbefohlenseins" stecke. Ein bezeichnender Ausdruck der zeitgeistigen Entwicklung ist für Haupert das Sozialamt einer deutschen Stadt, das an seiner Eingangstür mit den Worten "Wir wollen zufriedene Kunden" wirbt - der Aspekt, dass es am Sozialamt um berechtigte Ansprüche für in Not geratene Menschen geht, verschwinde dabei, sagt Haupert. Der ökonomisch geprägte Diskurs begünstige die Einsparungen im Sozialbereich und erhöhe den Druck auf Randgruppen.

"Die Qualitätsdebatte gibt der Sozialarbeit die Chance, sich verständlich zu machen", meint hingegen Meinhold und vermutet, dass "Kunden" respektvoller behandelt werden als "Klienten" und diesen "mehr Autonomie sichere". Meinhold charakterisiert ihren Ansatz als "sehr pragmatisch" und glaubt, dass betriebswirtschaftliches Denken in der Sozialarbeit dazu betrage, sozialarbeiterisches Denken verstärkt in die Wirtschaft zu tragen. (hs, DER STANDARD Printausgabe 18.10.2002)

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