"Die Italiener müssen sich zurechtfinden"

17. Oktober 2002, 20:19
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SVP-Obmann Siegfried Brugger im STANDARD-Interview: DerProporz ist ein Grundpfeiler der Autonomie

Für SVP-Obmann Siegfried Brugger hat die Friedensplatzabstimmung nichts mit der Qualität der Südtiroler Autonomie zu tun. Die Italiener in Bozen müssten neben ihrem Nationalgefühl aber endlich auch ein Heimatgefühl entwickeln, sagte Brugger im Gespräch mit Christoph Prantner.

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STANDARD: Im Juni haben Sie mit der Bundesregierung in Wien zehn Jahre Paketabschluss und das "Modell Südtirol" gefeiert. Beim Staatsbesuch von Bundespräsident Klestil in Rom ist der Beispielcharakter der Autonomie wieder angeklungen. Inzwischen gibt es das Abstimmungsergebnis zum Friedensplatz in Bozen. Ist Südtirol tatsächlich ein Erfolgsmodell für ein friedliches Zusammenleben?

Brugger: Die Südtiroler Autonomie ist ein gutes Beispiel für ein Regelwerk, das das Zusammenleben dreier Volksgruppen erleichtert. Von Modellcharakter zu sprechen ist immer schwierig. Ein Modell ist etwas Einzigartiges. Und das ist unsere Autonomie nicht, weil sie verbessert werden kann. Aber: Wie viele andere Beispiele auf der Welt zeigen, funktioniert sie besser als anderswo. Jedenfalls würde ich die Qualität der Autonomie nicht im Zusammenhang mit dem sehen, was beim Referendum zum Friedensplatz herausgekommen ist.

STANDARD: Dennoch: Im konkreten Zusammenleben hat sich seit dem Paketabschluss offenbar nicht viel geändert. Ist dafür nicht auch die SVP-Politik verantwortlich, die es nicht geschafft hat, die Italiener zu integrieren und von der Autonomie zu überzeugen?

Brugger: Seit 1992 hat sich sehr viel verändert: Wir haben alles, was die Italiener in ihrer Existenz betroffen hat, deutlich entschärft - etwa die Bildung und Kultur, Arbeitsplätze, Unterkünfte. Wir haben heute ein hervorragendes Sozial- und Wirtschaftssystem, davon profitieren alle Südtiroler gleichermaßen. Was das Heimatgefühl der Italiener betrifft, tun noch einiges Not. Aber das ist nicht etwas, was die Volkspartei gut oder schlecht machen kann.

Man muss das auch von der Seite der Italiener betrachten. Sie haben ein starkes Nationalgefühl, aber weniger Heimatgefühl für Südtirol. Ich glaube nicht, dass die Deutschen oder die SVP hier für die Italiener entscheiden sollten. Sie müssen sich selber zurechtfinden. Es ist ein langsamer Prozess, in dem die Italiener ihr Identitätsbewusstsein als Südtiroler entwickeln.

STANDARD: Gibt es so etwas wie eine Südtiroler Identität jenseits der Volksgruppengrenzen überhaupt?

Brugger: Ein solches Gefühl hat sicher jeder für sich. Das ist logisch für die Deutschen und Ladiner, für die Italiener nicht so sehr. Sie haben in den letzten Jahren ein viel stärkeres Heimatgefühl entwickelt, allerdings nur dort, wo sie nicht so konzentriert wie in Bozen leben. Diese Prozesse laufen allerdings sehr langsam; vor allem im emotionalen Bereich, dort, wo es um Symbole, um Geschichte geht. Aber das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen.

STANDARD: Es wird behauptet, der so genannte Proporz, die anteilsmäßige Aufteilung aller öffentlichen Stellen gemäß der Stärke der Volksgruppen, sei das größte Integrationshemmnis in Südtirol. Ist es für die SVP vorstellbar, diesen Proporz abzuschaffen?

Brugger: Der Proporz ist ein Grundpfeiler der Autonomie und muss erhalten bleiben. Er wurde geschaffen, um ein Ungleichgewicht bei der Vergabe von öffentlichen Stellen zu-lasten der deutschen und ladinischen Volksgruppe zu korrigieren. Das hat einigermaßen gut funktioniert. Heute stellt sich heraus, dass der Proporz eine ganz andere Funktion hat: Er garantiert nun den Italienern, die in Südtirol die schwächere Volksgruppe sind, die Posten. Das hat sogar die Alleanza Nazionale inzwischen erkannt.

STANDARD: Ist der Proporz aber nicht gerade auch die institutionalisierte Ideologie des "Je besser wir trennen, desto besser leben wir zusammen"?

Brugger: Der Proporz betrifft nur einen kleinen Teil der Arbeitsplätze in Südtirol. Und dieser Spruch war schon vor 20 Jahren falsch. Diese Auffassung vertreten meistens nur jene, die die Südtiroler Verhältnisse nicht aus eigenem Erleben kennen. Die Ansicht, dass in Südtirol alles streng aufgeteilt ist, trifft so nicht zu. Schauen Sie nur die Schulen an: Ob deutsche oder italienische Schule, jeder kann sich aussuchen, welche er besuchen möchte. Und in allen Schulen wird die jeweils andere Sprache intensiv unterrichtet. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2002)

  • Die Aufteilung öffentlicher Stellen nach Sprachzugehörigkeit steht für SVP-Chef Brugger nicht zur Disposition
    foto: standard/ff

    Die Aufteilung öffentlicher Stellen nach Sprachzugehörigkeit steht für SVP-Chef Brugger nicht zur Disposition

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