Danzig, zum Geburtstag von Günter Grass

17. Oktober 2002, 19:56
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Ilse Aichingers unglaubwürdige Reisen (45)

Günter Grass hat das Glück, schon früh eine überwältigende Landschaft um sich gehabt zu haben, Danzig und nicht Steinach-Irdning oder Floridsdorf. Und er kann gut tanzen. Ein Vergnügen, schon vor Jahrzehnten, ihn dabei zu beobachten, mit wem immer, auch mit allen. Wer stand ihm in seiner Kindheit bei und hatte er einen nötig, der ihm beistand? Das fragte ich mich, als wir uns Ende der 50er-Jahre in der Gruppe 47 kennen lernten. Doch eigenartig, gerade im Kontrast zum Bild, das sich später die Öffentlichkeit von ihm machte: Der Eindruck, dass er verlassen werden könnte und verletzbar sei, überwog.

Allerdings auch, dass er Exzesse gut verstand, aber auch verstand, ihnen zu entgehen, gerade wenn sie ihn bestrafen. Möglich, dass er stärker schien, als er sich fühlte, aber auch das war angemessen. Während der Tagungen der Gruppe konnte er bei ärgerlichen Texten rasch auffahren, aber autark, nicht im Rudel wie die Berufskritiker, die sich immer lauter in die Treffen hineinmischten.

Hier in Floridsdorf, in einer Klinik für Knochenbrüche, gibt es keinen leichten Horizont, keine Ostsee, keine Hansestadt. Nur weg. Vielleicht ist nur aus solchem Himmel heraus die Gelassenheit eines Grass möglich. Dabei wirkte er damals auf mich gar nicht hanseatisch, sondern eher wie aus dem Midi. Was wäre gewesen, wenn fünfzehn Jahre davor sein Oskar Matzerath aus Danzig die verfolgte Gruppe um meine Ellen in Wien getroffen hätte? Hätte der Rhythmus seiner Trommel den Rhythmus der Transporte über die Schwedenbrücke wenigstens ein wenig aus dem Gleichmaß bringen können? Matzerath kam von der Ostsee. Er kann seine Angst nach außen werfen, Ellen nicht. Einmal schenkte mir Günter Grass eine seiner Zeichnungen, entstanden in seiner Zeit in Kalkutta: Gebückte Frauen, die Rüben oder Kartoffeln suchten. Die hoffen noch immer. Sein Maß an Lebensfähigkeit, seine Unfähigkeit, Herdentrieben nachzugeben. Bei einer späten Tagung der Gruppe 47 erschienen ihm einige der Gedichte, die ich vorlas, düster. "Da muss etwas geschehen", sagte er. Er hat es inzwischen geschehen lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10. 2002)

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