Kommentar der anderen: Die Irrtümer der Aufrechner

17. Oktober 2002, 19:50
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Versuch einer Begriffsklärung anlässlich der Debatte über angebliche Fehlleistungen der Grünen in der Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt - Von John Bunzl*

Was im Bericht von Michael Völker über Van der Bellens politische Nöte (STANDARD, 9. 10.) alles unter die Rubrik "unterschwelliger Vorwurf des Antisemitismus" fällt, reicht vom angeblichen Antizionismus der israelischen Kommunistin Felicia Langer, über die in der EU diskutierte Frage, ob Produkte aus Siedlungen in den besetzen Gebieten unter der Bezeichnung "made in Israel" auf dem europäischen Markt zugelassen werden sollen, bis zur angeblich notwendigen "Ausgewogenheit" zwischen Okkupant und Okkupierten. (Hätte man also, um nur den letzten Punkt aufzugreifen, früher bei einer Südafrika-Veranstaltung im Namen der "Ausgewogenheit" nicht nur Gegner der Apartheid, sondern auch deren Befürworter einladen müssen?).

Da der Grünen-Chef sein Verhalten im zitierten Zusammenhang u.a. mit "besonderer historischer Verantwortung" begründet, erscheint es angebracht, einige Begriffe zu klären.

Sharon-Kritik tabu?

Beginnen wir einmal mit der vom israelischen Establishment und von großen US-jüdischen Organisationen verbreiteten Behauptung, wir wären in Europa Zeugen der schlimmsten antisemitischen Welle seit 1945. Wirklich? Kommt das nicht einer Banalisierung der Unterdrückung im kommunistischen Osteuropa und den genuin antisemitischen Vorfällen im Westen (z.B. während des Eichmann-Prozesses) gleich? Handelt es sich, abgesehen von einigen widerlichen Einzelfällen, überhaupt um Antisemitismus? Und widersprechen diese Fälle dem allgemeinen Trend der Konsolidierung jüdischer Gemeinden, des Aufblühens jüdischer Kultur und der weitgehenden Anerkennung des Holocaust als dem zentralen Schrecken des 20. Jahrhunderts?

Was wir in Europa in den letzten Jahrzehnten tatsächlich beobachten, sind Begleiterscheinungen des Nahostkonflikts. Untrügliches Indiz dafür ist die überproportionale Beteiligung von Muslimen an anti-jüdischen Ausschreitungen. Im Unterschied zum traditionellen europäisch-christlichen Antisemitismus entzündet sich arabisch-islamische Judenfeindschaft an einem realen Problem. Allein die Tatsache, dass es nach dem Osloer Abkommen (1993) zu einem Rückgang dieser Erscheinungen gekommen ist, weist auf die Differenz zum rigid-mystisch-rassistischen Charakter des europäischen Antisemitismus hin.

Genau so wenig wie die Ablehnung von Milosevic generellen Serbenhass indiziert, muss Sharon-Kritik auf Antisemitismus hindeuten. Es gab jedoch in Belgrad damals wie in Jerusalem heute ein Interesse, die Dinge so darzustellen. Natürlich konnte etwa die frühere Sowjetunion auf reaktionäre und manchmal auch rassistische Komponenten im Antikommunismus hinweisen. Machte dieser Umstand die Verhältnisse im Ostblock weniger kritikwürdig?

So wie sich die KP-Führer gerne auf bedenklichen Antikommunismus stürzten, um ihre SU nicht in Frage stellen zu müssen, so ist es auch heute mit den offiziellen jüdischen Gemeinden gegenüber Israel. Dies wird durch folgende Umstände erleichtert:

Fragwürdige Instanz

1) Israel versteht sich nicht nur als jüdischer Staat, sondern auch als Staat der Juden in der ganzen Welt, obwohl sein Verhalten gegenüber realen jüdischen Gemeinden nicht immer den Prinzipien der Solidarität und häufig jenen zwischen-staatlicher Realpolitk folgt;

2) Israel hat ein staatliches Interesse daran, die Kritik an seiner Vorgangsweise in den besetzten Gebieten zu entlegitimieren

3) Im Zionismus besteht die Vorstellung, dass Juden außerhalb Israels eigentlich keine Existenzberechtigung haben und ständig von Antisemitismus bedroht sind. Aus dieser "Logik" erklären sich sowohl die Umwandlung von Israel-Kritik in Antisemitismus als auch die Aufforderungen an jüdische Gemeinden, ihre Heimatländer (etwa Frankreich) zu verlassen und nach Israel "aufzusteigen".

4) Aus all diesen Gründen kann das offizielle Israel nicht als objektive Instanz bei der Beurteilung von Antisemitismus angesehen werden.

Gewalt beschönigen?

Wir verstehen darunter nämlich eine "Weltanschauung", die zumindest folgende Komponenten enthält:

[] Hass auf Juden als solche, unabhängig von ihrer Persönlichkeit,Tätigkeit etc.;

[] Imagination einer jüdischen Weltverschwörung;

[] Verachtung von Juden als rassisch minderwertig etc.

Sollte man den "Eintrittspreis" in dieses Reich des Bösen so niedrig wie möglich halten oder strenge Zulassungkriterien einfordern? Es steht für mich außer Frage, dass letzteres erforderlich ist. Ich möchte jedoch nicht missverstanden werden: Dass Israel-Kritik von links und rechts oft mit einem Entlastungsbedürfnis verbunden ist, ist evident. Nur: wie soll man auf diesen Mechanismus aufmerksam machen und ihm entgegentreten? Indem man israelische Gewalt wegrationalisiert, beschönigt oder aufrechnet? Indem man Kritiker automatisch Holocaust-Relativierung unterstellt?

Sicher entspringt die Stigmatisierung israelischen Verhaltens als "Völkermord", "Endlösung" einem leicht durchschaubaren Bedürfnis, dem schärfstens entgegenzutreten ist. Aber wie? Hier gilt es nicht nur auf den beleidiglenden Charakter des Vergeichs hinzuweisen, sondern zu argumentieren, dass Israelis Palästinenser unterdrücken, vertreiben und töten nicht weil sie Araber sind, sondern weil sie "zufällig" auf einem Stück Land leben, das die Zionisten besiedelt haben und Sharon weiterhin kolonisieren will. Rassismus ist nicht der Grund, sondern eine Folge dieses Unternehmens. Deshalb ist jede Gleichsetzung mit dem Holocaust eine unakzeptable Banalisierung und Trivialisierung der Shoah.

Wenn schon Vergleiche angestellt werden müssen, dann eignen sich andere koloniale Erfahrungen viel besser dazu. Das Aufrechnungsbedürfnis beruht also auf Projektion, benützt Israelis wie Palästinenser und sollte nicht als "blinde" Solidarität mit letzteren missverstanden werden.

Eine letzte Anmerkung: Dass die Palästina-Tragödie wurzelt in der Verfolgung und Vernichtung der Juden in Europa. Die Gewalt, die vom alten Kontinent ausging, trieb die Opfer an die Küsten des östlichen Mittelmeers, wo im Zuge der zionistischen Landnahme und des Widerstands dagegen neue Opfer entstanden und entstehen. Insofern besteht in der Tat eine europäische Verantwortung - sowohl für Israelis als auch für Palästinenser und eine Verpflichtung, dieser "Verlängerung von Geschichte" ein Ende zu bereiten.(DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2002)

*Der Autor ist Historiker am Österreichischen Institut für Internationale Politik.
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