Peinliches Geständnis

17. Oktober 2002, 19:49
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Die USA stehen nach der Aufdeckung von Nordkoreas Atomwaffenprogramm hilflos da, befindet Gudrun Harrer

Häme ist bei einem so ernsten Thema nicht angebracht, aber sie wird US-Präsident George Bush von gewisser Seite nicht erspart bleiben. In das Kriegsgetrommel gegen den Irak, von dem die Experten einhellig sagen, dass er keine Atomwaffen und im eigenen Land keinen Zugang zu spaltbarem Material hat, platzt das Geständnis Nordkoreas, dass es, wie man bisher bloß vermutete, schon länger ein Atomwaffenprogramm verfolgt. Spaltbares Material, das seit Jahren dem Zugriff der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) entzogen ist, hat es auch, und auf der "Achse des Bösen" liegt es ebenfalls.

Vom Standpunkt der Befürworter eines Präventivschlags gegen den Irak ist die Eröffnung Nordkoreas jedoch eher eine Bestätigung: Soll man Saddam Hussein vielleicht auch so weit kommen lassen? Dass Bush zwölf Tage brauchte, bis er die Nachricht an die Öffentlichkeit ließ, zeigt trotzdem, wie schwer er daran geschluckt hat. Die Genugtuung, dass es 1994 eine demokratische US-Regierung war, die sich - übrigens unter Vermittlung des unglücklichen Jimmy Carter - von Kim Jong Il hereinlegen ließ, der sich scheinbar sein Atomwaffenprogramm durch die Errichtung von zwei Leichtwasserreaktoren abkaufen ließ, ist kein Trost angesichts der Tatsache, dass die USA jetzt relativ hilflos dastehen. Ein Nordkorea-Feldzug kommt als viel zu gefährlich für Südkorea nicht infrage - man kann ja nicht einmal ganz ausschließen, dass Pjöngjang nicht schon die Bombe hat -, und er ist auch nicht erwünscht: Im Falle des Irak spielen ja doch auch andere Gründe als die Abrüstung eine Rolle.

Warum Nordkorea sein Massenvernichtungswaffenprogramm aber überhaupt zugibt und warum gerade jetzt, muss noch Stoff für Spekulation bleiben: Dass die Herrschaften in Pjöngjang einen noch besseren Deal als 1994 und eine Extrabelohnung für den Normalisierungskurs der vergangenen Monate herausschlagen wollen, ist nicht ausgeschlossen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2002)

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