Kolumne: Für viele war Haider eine Hoffnung

17. Oktober 2002, 19:48
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Doch es zeigte sich: Die Rechtspopulisten sind nicht zu "zivilisieren" - Von Hans Rauscher

Vor etwa fünf Jahren kam im Rahmen einer von der steirischen ÖVP veranstalteten Diskussion wenig überraschend auch das Thema Haider aufs Tapet. Nicht so sehr in der öffentlichen Diskussion als beim kollegialen Austausch plädierte damals ein jüngerer Tageszeitungsjournalist aus dem katholischen Bereich ziemlich feurig für die Notwendigkeit und Berechtigung Haiders in der heimischen politischen Landschaft. Er verkörpere frischen Wind, sei ein Stachel im Fleisch der versulzten Großparteien, er habe durchaus auch brauchbare Ideen. Die Nazi-Sprüche und die dazugehörige Mentalität - das sei nicht ernst zu nehmen. Haider sei jedenfalls ein Hoffnungsträger für dieses erstarrte Land, er müsse unbedingt in die Regierung, und er könne durchaus auch Kanzler werden.

Heute ist von dieser Euphorie, die ja auch von anderen Angehörigen der Intelligenzschicht mehr oder minder geteilt wird, wenig geblieben. Haider als Hoffnungsträger - nur noch für die Unbelehrbaren; die FPÖ am Zerbröseln, das Projekt einer Koalition zwischen traditionellen Christdemokraten und radikalen Rechtspopulisten gescheitert. Übrigens nicht nur in Österreich, dem Versuchslabor für politische Irrwege, sondern jetzt auch in den Niederlanden, wo die Koalition aus Christdemokraten und den Rechtspopulisten des ermordeten Pim Fortuyn nach drei Monaten kläglich auseinander brach. Und zwar aus denselben Gründen wie in Österreich: aus der strukturellen Regierungsunfähigkeit von Rechtspopulisten.

Die Rechtspopulisten sind nicht "einzubinden", zu "zivilisieren"; sie wollen ihre Verrücktheiten und Bösartigkeiten konsequent leben und den anderen aufzwingen; wenn das nicht geht, sprengen sie sich lieber selbst in die Luft. Wenn ein Wahnsystem nicht komplett die Vorherrschaft erringen kann, dann muss es sich in der praktischen Politik beweisen, und das geht dann zwangsläufig schief. Nur dort, wo wie in Berlusconis Italien, die Machtergreifung schon fast komplett ist, hält sich das System länger.

Die Gefahr Haider wirkt jetzt im Rückblick übertrieben. Aber er und die seinen haben durchaus autoritäre, demokratieunverträgliche Vorstellungen, deren Wurzeln in die NS-Zeit zurückreichen. Die ganze Macht haben sie allerdings nicht ergreifen können, auch wegen des psychologischen Zustandes von Haider selbst, dem der letzte Machtwille fehlt. Ihm genügt das Bierzelt.

Aber für eine jahrelange Vergiftung der Gesellschaft und für eine Verschleuderung von Reformenergie hat es gereicht. Das konnte jeder politisch-historisch Gebildete von der Minute eins an erkennen. Die Vorstellung, jemand, der so sehr in einer total diskreditierten Vergangenheit verhaftet ist, könne ein Hoffnungsträger für die Zukunft sein, war immer absurd.

Das war Schüssels großer Irrtum. Die Rechtspopulisten wollen im Grunde keine "Reformen". Sie wollen alles anders. Ein ganz anderes Land, ein ganz anderes System. Wenn sie das nicht bekommen können, kehren sie lieber zu ihren heiligen Glaubensgewissheiten zurück und schießen sich selbst aus der Verantwortung. Das ist die Lehre von Knittelfeld: Die FPÖ ist immer noch nicht in dieser Republik angekommen.

Deswegen ist jetzt kein Grund zu Triumphalismus. Haider war immer eine gewisse Gefahr, wegen der Bösartigkeiten, die er in die Gesellschaft brachte; und er hat noch ein beträchtliches Störpotenzial, besonders, wenn die Zeiten schlechter werden. Das wahre Problem ist aber, dass 27 Prozent, und nicht die Unintelligentesten darunter, zumindest eine Zeit lang glaubten, er und seine uralten Ideen wären eine Zukunftshoffnung.(DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2002)

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