"Dagen" wird mitten in der Branchenkrise gelauncht

17. Oktober 2002, 18:24
posten

Neue dänische Tageszeitung startet am Dienstag - Abo-Aktion mit wertvollen Beigaben sorgt für Unmut bei der Konkurrenz

Mitten in der schlimmsten Zeitungskrise der letzten 50 Jahre kommt nächsten Dienstag (23. Oktober) die neue dänische Tageszeitung "Dagen" ("Der Tag") auf den Markt. Dass die führenden Blätter in Dänemark in den vergangenen zwei Jahren ein Drittel ihres Anzeigenaufkommens verloren haben und selbst von durchaus existenziellen Bedrohungen sprechen, ficht den Initiator und Eigner Peter Linck nicht an: "Wir machen etwas völlig Neues und werden uns nicht am Krieg der großen Tageszeitungen beteiligen", sagte der 37-Jährige in der Tagszeitung "Berlingske Tidende".

Auflage: 25.000

25.000 Stück Auflage peilt man nach dem ersten Jahr an. Linck, der mit seinem vor zehn Jahren gestarteten Trendmagazin "Euroman" viel Geld verdient hat, hat eine klar eingegrenzte Zielgruppe im Visier: Gut ausgebildete, wissensdurstige und politisch keiner Richtung verpflichtete, sondern ausgeprägt individualistisch denkende 30- bis 45-Jährige, denen die großen Blätter - "Berlingske", "Politiken" und "Jyllands-Posten" sind das dänische Qualitätszeitungskleeblatt- zu provinziell und/oder dümmlich und "Information" als anspruchsvolle Traditionszeitung der Linken zu "einäugig" sind.

Internationaler Blickwinkel

Angelockt werden sollen diese anspruchsvollen Leser unter anderem mit wesentlich mehr Auslandsstoff als in den anderen Blättern. Chefredakteur Kresten Schultz Jörgensen wurde in seinen Äußerungen vor der Premiere nicht müde, auf den provinziellen Ansatz der herkömmlichen Blätter zu schimpfen. Die Berichterstattung werde geradezu krampfhaft in einen dänischen Blickwinkel gezwängt, obwohl die wichtigen Ereignisse global seien und als solche von den mitdenkenden Zeitgenossen auch verstanden würden.

50 bis 60 redaktionelle Mitarbeiter

Ein Stab von 50 bis 60 redaktionellen Mitarbeitern soll auf dieser Grundlage täglich 16 Seiten in einem speziellen Format zwischen dem großen, klassischen "Broadsheet" und dem für dänische Boulevardblätter typischen Hochkant-Tabloid produzieren. Mit 15 Kronen (zwei Euro) im Kiosk und einem Monats-Abo für 450 Kronen kostet "Dagen" den Leser auch für dänische Verhältnisse erheblich mehr als die Konkurrenz. Dafür sollen Anzeigen optisch im Blatt und auch für das Überleben weniger schwer wiegen.

Abo-Kampagne

Für Unmut bei der Konkurrenz hat indes schon im Vorfeld des Launches die Abo-Kampagne der "Dagen"-Macher gesorgt. Potenzielle Abonnenten sollen mit mehr als großzügigen Beigaben bzw. Kombi-Angeboten verlockt werden. Luxuriösestes Beispiel: Wer sich für 600 Tage an "Dagen" bindet, zahlt 9.000 Kronen - für insgesamt 9.800 Kronen (1.319 Euro) ist gleich eine Flugreise in die USA für zwei Personen inkludiert. Ob solche Praktiken nicht Unlauteren Wettbewerb darstellen, wollen die Konkurrenten nun überprüft wissen.

Das Projekt startet wenige Wochen, nachdem die traditionellen Erzfeinde "Jyllands-Posten" und "Politiken" die Zusammenlegung ihrer Verlagshäuser mit allen Abteilungen bis auf die redaktionellen in den Zeitungen getrieben hat. Freimütig räumten die Beteiligten ein, dass blanke Not diesen Schritt erzwungen hatte, nachdem alle Zeitungen ihre Mitarbeiterstäbe vorher schon um jeweils mehrere hundert reduziert hatten.

Skepsis

Auf diesem Hintergrund herrscht in Kopenhagen mit Blick auf die Marktchancen "Dagen" überwiegend Skepsis. Linck selbst hat 16 Millionen Kronen eigenes Geld investiert, sechs Millionen Kronen (807.667 Euro) Presseförderung bekommen und nach eigener Aussage potente Investoren im Rücken, mit denen das neue Blatt auch eine längere Verlustphase durchstehen könne. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.