Grasser: Vorsorgemodelle machen 2,8 Milliarden Euro für Börse verfügbar

17. Oktober 2002, 12:58
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Innerhalb von zehn Jahren - Mitarbeitervorsorgekassen und private Zukunftsvorsorge sollen je 1,4 Milliarden Euro beisteuern

Wien - Durch die beiden von der Bundesregierung beschlossenen Vorsorgemodelle Abfertigung neu und Zukunftsvorsorge werden für die Wiener Börse in den nächsten zehn Jahren 2,8 Mrd. Euro an zusätzlichem Kapital verfügbar sein, sagte Finanzminister Karl Heinz Grasser am Mittwochabend bei einem Vortrag in Wien. Sowohl über die Mitarbeitervorsorgekassen (MVK) als auch über die private Zukunftsvorsorge mit ihren obligaten Aktienquoten von 40 bzw. 60 Prozent ("es geht") würden jeweils 1,4 Mrd. Euro potenzielles Volumen geschaffen werden.

Der Kapitalmarkt in Österreich entspricht laut Grasser nicht der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes. Während in Österreich nur rund 8 Prozent des gesamten Veranlagungsvolumens in Aktien angelegt sind, seien es im vergleichbaren Land Schweden etwa 36 Prozent. Etwas mehr als 100 gelisteten Unternehmen in Österreich stünden rund 300 in Schweden gegenüber, meinte Grasser.

Gut funktionierender Kapitalmarkt wichtig für internationalen Wettbewerb

Der Bundesregierung sei es immer ein großes Anliegen gewesen, für den Kapitalmarkt einzutreten, denn ein gut funktionierender Kapitalmarkt sei wichtig für den internationalen Wettbewerb, den Wirtschaftsstandort Österreich und Grundlage für die optimale Versorgung der Wirtschaft mit Eigenkapital. Eigenkapital schaffe Chancen und sei eine Voraussetzung für die Umsetzung von unternehmerischen Ideen. "Wir haben im internationalen Vergleich dabei ein Problem", meinte Grasser. Das durchschnittliche Eigenkapital über alle Branchen gerechnet belaufe sich in Österreich nämlich nur auf 26 Prozent gegenüber 34 Prozent EU-weit.

Grasser führt dies darauf zurück, dass in Österreich Eigenkapital diskriminiert werde. Das hänge mit der überproportional großen Rolle der Bankenfinanzierung (Kredite) und der Risikoaversion der Banken zusammen, meinte Grasser.

Stärkung des Eigenkapital sei aber ein komplexer Prozess

Die Stärkung des Eigenkapital sei aber ein komplexer Prozess. Fünf wesentliche Reformen habe die Bundesregierung durchgeführt. Dazu zählt Grasser die Kapitalmarktoffensive 2000, mit der neue strukturelle Rahmenbedingungen gesetzt worden seien. Etwa durch die Abschaffung der Börseumsatzsteuer, die Novellierung der Spekulationssteuer, die steuerliche Begünstigung von Stockoptions, die Einführung von Mitarbeiteraktien und die Endbesteuerung in Erbschaftsfällen.

Als zweite wesentliche Reform für einen besseren heimischen Kapitalmarkt führte Grasser die Installierung der Allfinanzaufsicht an. Die Zusammenführung der bis dahin getrennten Aufsichtsgremien Wertpapieraufsicht, Banken-, Versicherungs- und Pensionskassenaufsicht in eine gemeinsame Finanzmarkt-Aufsicht sei ein modernes Konzept und setze ein "Signal des Vertrauens" in Richtung Anleger und Investoren.

"Personifizierung" des Kapitalmarktes

Die "Personifizierung" des Kapitalmarktes durch einen Kapitalmarktbeauftragten, nämlich Ex-OMV-Chef Richard Schenz, sieht Grasser als den dritten wesentlichen Reformschritt der Bundesregierung an.

Als vierten Reformpunkt führte Grasser das neue Mitarbeitervorsorgemodell mit den Mitarbeitervorsorgekassen (MVK)) an. Die "Abfertigung neu" bezeichnete der Finanzminister als "einen der größten sozialpolitischen Würfe der letzten Zeit". Sie stelle den Beginn einer zweiten Säule der Alterspension mit wesentlichen Implikationen für den Kapitalmarkt dar. Die MVK werden laut Grasser in den nächsten zehn Jahren ein Veranlagungsvolumen von 3,5 Mrd. Euro generieren. Bei einer unterlegten Aktienquote von 40 Prozent entspreche dies 1,4 Mrd. Euro für den Kapitalmarkt.

Staatlich geförderte private Zukunftsvorsorge

Als fünften wesentlichen Reformschritt der abtretenden Regierung für einen attraktiveren Kapitalmarkt führte Grasser die staatlich geförderte private Zukunftsvorsorge mit möglicher Kapitalgarantie an. Diese sei als dritte Säule der Altersvorsorge auch vom deutschen Finanzminister Hans Eichel als historisches Produkt für Österreich gelobt worden, meinte Grasser. Die obligatorische Veranlagung von 60 Prozent in Aktien hält Grasser weiterhin für möglich. "Es geht", meinte er.

Als weitere Kapitalmarktbeiträge der Regierung erwähnte Grasser Privatisierungs- und Liberalisierungsschritte sowie das Double Equityprogramm.

Den Stabilitäts- und Wachstumspakt in der EU bezeichnete Grasser als den einzigen wachstums- und zukunftsträchtigen Weg für Europa. Die Alternative einer permanenten Neuverschuldung des Staates, die zu steigenden Zins- und Tilgungsquoten und damit höheren Steuern führe, würde sich sowohl auf die Investitionen und Infrastruktur schlecht auswirken und zu mehr Arbeitslosen führen, warnte Grasser.(APA)

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