Sexualität, Pornographie und die Politik des Privaten

19. Oktober 2002, 12:00
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Die Ausstellung "Mons Veneris: Female Geographies" wurde in London eröffnet

Wien/London - Im Kontext des Herbstprogrammes "Highly Inspired: A Cultural Season for the Year of the Mountains" am Austrian Cultural Forum London präsentiert die Ausstellung "Mons Veneris: Female Geographies" künstlerische Arbeiten, die sich sexuellen Grenzgebieten annähern, sowie strategische Interventionen und Orte, an denen sexuelle Identitäten fragmentiert auftreten.

Die Ausstellung bringt Arbeiten von Pionierinnen der 60er und 70er Jahre, die ihre künstlerische Praxis entlang feministischer Theorie entwickelten, mit denen junger Künstlerinnen der 90er Jahre zusammen, die heute auf unterschiedliche Weise sowohl in der Kunstrezeption als auch im feministischen Kontext Beachtung finden.

Während sich in den ausdifferenzierten Ökonomien des Westens Feminismus zu Mainstream und Identitätspolitik zu 'Lifestyle' wandelte, widmet sich die Ausstellung den unterschiedlichen und vom Mainstream abweichenden Feminismen, sowie den spezifisch ästhetischen Strategien der künstlerischen Arbeiten, die sich mit Sexualität, der Politik des Privaten und den Erfahrungen von Frauen in post-kommunistischen Ländern beschäftigen.

Grenzziehung

Die Ausstellung zielt darauf ab, künstlerische Praxen zu zeigen, bei denen Identitäten fortwährend hinterfragbare Fragmente darstellen, Begehren sich dem Erhabenen entzieht und Grenzen – wie jene zwischen Kunst und Pornographie – nicht einfach zu ziehen sind.

Pornographie scheint ein heikles Thema zu sein, wenn es sich um künstlerische Arbeiten von Frauen handelt –, insbesondere dann, wenn die Kunstwelt begierig Materialien aus der Welt der Pornographie adaptiert, ohne dabei die eigenen Konsum- und Ausbeutungsstrukturen zu hinterfragen. Die Arbeiten von Fiona Banner, Tanja Ostojic ('Looking for a husband with EU passport') und Julia Wayne versuchen – jede auf ihre spezifische Weise – einen Ausdruck für diese sensible Thematik zu finden. Banner konsumiert nahezu besessen Pornofilme; Filme, die nicht für das weibliche Subjekt bestimmt sind. Sie geht durch die Filme hindurch, transkribiert und transformiert sie. Der daraus resultierende Effekt, der eine Distanz zum vorgefundenen Material hervorruft, bewirkt jedoch weder eine Schmälerung ihres persönlichen Engagements, noch werden die pornographischen Inhalte für den Kunstmarkt von ihrer Härte befreit. Wayne's Fensterinstallation 'Discrete Side Entrance' berührt durch einen unerwarteten Bruch mit den Erwartungshaltungen ebenfalls die Thematik der weiblichen Subjektivität.

Beispiele

Pionierinnen, wie Valie Export und Sanja Ivekovic, die teilweise heute noch auf eine angemessene Historisierung ihrer Arbeiten warten, zeigen in ihren frühen Auseinandersetzungen mit dem weiblichen Köper, wie die Frau in der Kunst zum Subjekt erhoben werden kann. 'Aktionshose: Genitalpanik' zeigt Valie Export in ihrer Aktionshose, bewaffnet mit einer Maschinenpistole, mit direktem Blick in die Kamera.

Gewalt gegen Frauen, eines der Hauptanliegen in der feministischen Theorie und Praxis der 70er Jahre, wird wieder von Fiona Rukschcio (Jahrgang 1972) aufgegriffen. Sie gibt in fünf Sprachen Instruktionen für die Verwendung von 'Selbstverteidigungsohrenschützer' /'Selfdefense Earflaps'. Eine humorvolle Arbeit, die der Ernsthaftigkeit der Thematik durchaus gerecht wird. Die Videoarbeiten von Mare Tralla 'Felt Boots' und Mara Mattuschka 'SOS Extraterrestra' bedienen sich ebenfalls der Technik des Humors.

Lesbische Identität

Während die Medien der Lifestyle- und Konsumgesellschaft mittlerweile die weibliche Homosexualität in der Gesellschaft für sich entdeckt haben, finden sich in der traditionellen Kunstrezeption kaum Arbeiten, die lesbische Sexualität und Identität thematisieren. Künstlerinnen, wie die hervorragende Videomacherin Sadie Benning (auch bekannt durch ihre Arbeit mit der us-amerikanischen Elektro-Pop-Band Le Tigre) distanzieren sich vom etablierten Kunstmarkt. Marth kompilierte für ihr Video 'Desire. Different Codes' Videoausschnitte, die lesbische Repräsentation und Begehren thematisieren.

Mit Uli Aigner, Jamika Ajalon, Fiona Banner, Sadie Benning, Ursula Biemann, Anca Daucikova, Valie Export, Christina Della Guistina, Roza El-Hassan/Milica Tomic, Sanja Ivekovic, Susanna Jacobs, Le Tigre/Elisabeth Subrin, Ly Lestberg, Marth, Mara Mattuschka, Muda Mathis/Sus Zwick, Tanja Ostojic, Fiona Rukschcio, Cindy Sherman, Mare Tralla, Julia Wayne.
Koordination: Rosemarie Reitsamer.
KonsultantInnen: Anthony Auerbach, Anca Daucikova, Marina Grzinic, Sally Tallant.

Mit einer Sonderausgabe von "Female Sequences: FrauenLesbenKulturHEFTig" soll die Ausstellung dokumentiert werden. Der Erscheinungstermin ist mit Februar 2003 geplant.

(Ankündigung/red)

Ausstellung läuft bis Freitag, 6. Dezember 2002 Austrian Cultural Forum London, 28 Rutland Gate, London SW7 1PQ

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9.00 bis 17.00 Uhr

Link
Austrian Cultural Forum London

  • Sadie Benning: It wasn't love, video
    Sadie Benning: It wasn't love, video
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