Die U-Bahn-Grenze bröselt

18. Oktober 2002, 11:27
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Der Versuch, die Badner Bahn auf U6-Gleise zu stellen, kündigt einen Paradigmenwechsel der Verkehrspolitik an - auch wenn das Projekt selbst eher metaphorisch zu verstehen ist...

Wien - Politiker mögen Metaphern. Besonders dann, wenn die in den Alltag passen. Und wenn eine projektgewordene Metapher auch noch recht erklärt, was ihre In-den-Raum-Steller von anderen in Wahlkampfzeiten diskutierten Achsen und Verbindungen halten (dürften), ist die Freude noch einmal so groß.

Das hat aber bestimmt nichts damit zu tun, dass eine zu Jahresanfang verlautete Absicht der Landeshauptleute von Wien und Niederösterreich, Michael Häupl (SP) und Erwin Pröll (VP), dieser Tage besonders schön klingt: Schon vor Monaten beschlossen die beiden in ihren Parteien nicht unwichtigen Herren, die Badner Bahn probeweise auch auf der Strecke der U6 fahren zu lassen.

Simulierung

Ab November soll nun erstmals tatsächlich - allerdings lediglich auf der Trasse der U6 - ein Duobetrieb U6/ Badner Bahn simuliert werden. Es gehe, heißt es bei den Wiener Linien nicht zuletzt darum, Akzeptanz und technische Machbarkeit auszuloten.

Die Idee, die Badner Bahn auf U-Bahn-Schienen zu stellen ist lediglich ein paar Minuten jünger als die Forderung, die U-Bahn nicht vor den dichten Wirtschafts- und Siedlungszonen an der Wiener Südgrenze verenden zu lassen. Vor allem Wien hatte sich bisher immer dagegen gewehrt: Auch nachdem Häupl und Pröll im Winter angekündigt hatten, man werde sich die Idee nun doch "genau ansehen", deponierte Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP) im Gemeinderat seine Skepsis gegenüber der Alltagstauglichkeit der so fein klingenden länderübergreifenden schwarz-roten U-Bahnachse.

U-Bahn-Anbindung Wiens an das südliche Umland

Von einer tatsächlichen U-Bahn-Anbindung Wiens an das südliche Umland kann allerdings auch mit diesem Versuch keine Rede sein: Es werden lediglich U6-Garnituren auf Badner-Bahn-Format gekürzt auf der U6-Stammstrecke verkehren, erklärt man bei den Wiener Linien. "Echte" Badner-Bahnen würden den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante um fast 10 Zentimeter vergrößern: "Das ist uns zu gefährlich", heißt es bei den Wiener Linien. Generell bestünde aber große Skepsis: Wie die U6-Fahrgäste in großen Umsteigerelationen - etwa dem Westbahnhof - zur Stoßzeit reagieren, wenn die doch deutlich kürzeren blauen Züge einfahren sollten, könne man sich schließlich leicht ausmalen.

Anbindung der Badner-Bahn-Strecke an die U6 wäre durchaus machbar

Baulich wäre eine Anbindung der Badner-Bahn-Strecke an die U6 "durchaus machbar": Etwa bei der Philadelphiabrücke. Berichte, die Route könnte ab der Station Nussdorfer Straße, gleich bis Klosterneuburg weitergeführt werden, werden aber in die Kategorie "Fabel" verwiesen: Die Schienen der alten Stadtbahn-Abzweigung nach Heiligenstadt verrosten schon seit Jahrzehnten - auf den Stadtbahnbögen ist eine Büro-Überbauung geplant.

Unumstritten ist, dass der Versuch tatsächlich einen Paradigmenwechsel der Wiener Verkehrspolitik ankündigt: Bisher galt in der SPÖ allein der Wunsch nach einer U-Bahn-Verlängerung nach Niederösterreich als Frevel. (rott, DER STANDARD Printausgabe 18.10.2002)

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    Ohne Umsteigen von Baden nach Klosterneuburg - die Wiener Linien testen eine Einbindung der Badner Bahn auf die U6-Strecke

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