Rückseite des Klangspiegels

22. Oktober 2002, 22:36
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Morton Feldman als Filmmusik-Komponist: Eine neue "Kairos"-Einspielung entführt in bisher kaum erschlossene Gedankenräume des New Yorker Komponisten

Als würden seine Werke erst dort ansetzen, wo andere enden - beim Ausklingen, Nachschwingen bei der langsamen, oft ignorierten Annäherung an die Stille. "For Samuel Beckett" etwa: Eine musikalische Tropfsteinhöhle, in der die Zeit sich zu verlangsamen scheint; eine Schule der Wahrnehmung, die das Ohr an seine Grenzen führt. Eine Studie über die Bewegung in der Bewegungslosigkeit auch, über kaum merkbare Zustandsveränderungen innerhalb der tönenden Welt. Diese gehen subtil vor sich. Sie sind erst zu fassen, wenn sie zu einem neuen Klangbild geführt haben. Das Stück also auch: Eine Reflexion über den Wandel, über dessen unentwegte Präsenz, die jedoch ab einer gewissen Tempoverlangsamung unerkennbar wird. Daraus ergibt sich auch eine Art Emanzipation des Klanges. Er sollte "durchatmen" können.

Der New Yorker, dem Meister Edgar Var`ese einst erlaubte, "ihn mindestens einmal in der Woche zu besuchen", erkannte darüberhinaus auch in der oft nicht überbordenden Länge neuer Kompositionen jene Konvention, die auch die Moderne nicht in Frage stellte. In der Spätphase seines Schaffens öffnete er denn auch die Zeitschleusen und erreichte beim 2. Streichquartett den Gipfel der klangauratisch Ausuferung (fünfeinhalb Stunden). Feldman führt damit zu Rändern und Grenzen. "Meine ganze Generation hielt sich an die 20- bis 25-Minuten-Stücke. Das war unsere Uhr. Wir alle kanten sie und wussten mit der Uhr umzugehen. Sobald man aber 20- bis 25-Minuten-Stücke hinter sich lässt, entstehen andere Probleme. Bis zu einer Stunde denkt man über die Form nach, doch nach eineinhalb Stunden zählt der Umfang. Form ist leicht - das ist einfach die Gliederung von Dingen in Teile, doch der Umfang ist eine andere Angelegenheit. Man muss das ganze Stück überblicken - dazu bedarf es einer erhöhen Art der Konzentration. Früher waren meine Stücke wie Objekte; jetzt sind sie wie sich entwickelnde Dinge."

Natürlich ist im Gesamtoeuvre Feldmans mehr Vielfalt gesegnet, als die Zuspitzung auf seine stilistische Zeit/Klang-Spezialität suggeriert. Bei Kairos ist nun mit Something Wild: Music for Films - ein Einspielung erschienen, die mit einer Ausnahme Stücke aus den 50er- und 60er-Jahren präsentiert, die man in den Bereich der nicht absoluten Musik einordnen kann. Da hört man pittoreske Szenen mit Spieldosenflair (Mary Ann's Theme), einen Hauch von Dramatik und minimalistischer Repetition in Samoa, der Musik zu einem bisher nicht aufgefundenen Film. The Sin of Jesus ist wieder sehr soft angelegt, auch De Kooning führt in einen Raum des Bewegungsminimalismus. Auch Jackson Pollock, für einen Dokumentarfilm über den Maler geschrieben, bringt Verhaltenheit ein. Das ensemble recherche, das Teile dieses Programms 2001 beim Festival "Wien Modern" uraufgeführt hat, sorgt für Atmosphäre und strukturelle Klarheit - ein mittlerweile zur Ikone mutierter Komponist wird hier vor einer kulinarisch-kurzweiligen Seite gezeigt.

Es macht natürlich dokumentarischen Sinn, der Neuheitswert rechtfertigt so eine Veröffentlichung und vermittelt die unideologische Offenheit von Kairos. Das österreichische Label wurde 1999 gegründet und meint mit seinem Namen den erfüllten Augenblick. Wenn auch der günstige Augenblick gemeint ist, kann er sich indes nicht auf den mutigen Moment der Gründung beziehen; die Klassikkrise war 1999 längst in Gange. Andererseits wird das bibliophile Label mit Preisen überhäuft und ist von der Reputation her eine exemplarische Erfolgsgeschichte in ungemütlicher CD-Zeit. Vielleicht doch ein günstiger Augenblick. Die Krise der Major Labels ist auch die Krise übergroßer Vermittlungsstrukturen und des immer gleichen Repertoires. Kleinere Labels sind da in einer besseren Position, kommen nun leichter an Künstler heran. Um kostendeckend zu arbeiten, müssen, so Label-Gründer Peter Oswald, natürlich an die 5000 Stück pro CD verkauft werden. Nicht leicht. Anders als etwa ECM, das sich auch im extrem hörerfreundlichen Bereich bewegt, ist bei Kairos vornehmlich Sperriges angesagt. Diese Einspielung ist insofern eine Ausnahme. Doch nicht nur diese sollte man sich zulegen! (Der Standard/rondo/Ljubisa Tosic/18/10/2002)

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