Die Mühle mahlt wieder

1. Juni 2004, 13:34
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Der frühere Renommier-Nachtclub Wiens, das Moulin Rouge, zeigt seit kurzem völlig neue Züge: Klub, Restaurant, Bar, die Schlüpfrigkeit blieb draußen

Es ist relativ leicht, auf das neue Moulin Rouge verächtlich herabzublicken. Denn: Martin Zimmermann und sein Kompagnon Peter Schneider machten sich ihren Namen bisher damit, Clubbings für den Nachwuchs der besseren Gesellschaft zu organisieren. Dass gerade sie als Quereinsteiger in Sachen seriöse Gastronomie den Zuschlag für den kulinarischen Relaunch von Wiens prominentestem Nachtclub bekamen, verblüffte anfangs also schon ein bisschen. Vor allem, wo doch auch gastronomische Hochkaräter wie die Brüder Haslauer, Luigi Barbaro oder Mario Plachutta Interesse gezeigt hatten.

Ein weiterer Punkt, der wahrscheinlich ein paar Leuten gegen den Strich geht, ist die Tatsache, dass man küchenmäßig eine nicht gerade an der aktuellen Fress-Hitparade ausgerichtete Linie fährt, einigermaßen französisch nämlich, mit reichlich Gänseleber und "wenn man mir die Butter wegnimmt, wird's schwierig", wie Küchenchef Martin Stein gesteht. Und das schließlich in einer Preisregion, mit der man klar bekennt, an wen man sich mit den neuen Darbietungen im Moulin Rouge richten will: nicht das tanzende Jungvolk, sondern schon eher jene Klientel, die es sich durchaus vorstellen kann, auf ein paar Austern und eine halbe Flasche Champagner nach Paris zu jetten.

Ob das da jetzt der rascheste Weg zum Erfolg ist, bleibt abzuwarten, zweifellos die richtige Entscheidung traf Peter Schneider jedenfalls hinsichtlich des Verzichtes auf Türlsteher, die zwar zur Anmutung der Location passen würden, hierzulande aber nun einmal nicht goutiert werden, sowie mit dem Engagement von Koch Martin Stein (25): "Ich mag die alten Sachen, liebe die klassische Küche", sagt er. Stein genoss eigentlich eine Biologie-Ausbildung und kocht erst seit fünf Jahren, lernte in Thomas Seilers Elsässer Bistro die französische Küche lieben und war sowohl im Restaurant Bauer als auch bei Mörwald im Ambassador Souschef von Christian Domschitz. Und irgendwie passt Steins Küche ideal in das eigenwillige Ambiente dieses runden Exnachtklubs.

Als Einstieg muss man hier natürlich Austern essen, es handelt sich um Sylter Royal, und sie kommen mit dem Butter-Pumpernickel. Die dreierlei Gansleber mit geschmortem Zeller und Nüssen äußert sich etwa in Form einer etwas sehr zarten Leber-Sellerie-Schichtentorte und eines Stückchens gebratener Leber mit dem Gemüse in weich gekochter Form (EURO 15), der französische Ziegenkäse auf der Feige mit Kresse-Vinaigrette (EURO 10) ist zwar an Einfachheit kaum zu überbieten, an Köstlichkeit aber halt auch nicht - hervorragend! Die Karotten-Safran-Suppe mit gebratener Jacobsmuschel war dann überhaupt eine Wucht, und zwar optisch wie aromatisch (EURO 17), und das perfekt gegarte Filet von der Goldbrasse in Erdäpfelkruste mit Lauchgemüse und Lauchcreme erinnerte ebenfalls an die großen Franzosen, soll dem Vernehmen nach aber auch schon misslungener auf den Tisch gekommen sein als an diesem Abend (EURO 18).

Eine geschmorte Entenkeule mit in Madeira gebratener Entenleber und Erdäpfelgebäck (EURO 13) - oh, là, là, Paris la nuit! -, oder eine rosa gebratene Taubenbrust mit einer Wirsing-Gänseleber-"Mozartkugel", reduziert, intensiviert, einfach wunderbar (EURO 22). Die Desserts lassen dann ein bisschen nach, aber dafür wird einem ein duftiger Vacherin auf den Teller gelöffelt, blöd nur, dass das minimale Angebot an offenen Weinen (hauptsächlich Zimmermann) nicht wirklich die idealen Begleiter dazu zu liefern imstande ist.

Ab Mitternacht wird dann jedenfalls die Musik lauter und die Clubber, denen das Essen im Oberstock so ziemlich sehr egal sein dürfte, beginnen, den unteren Bereich zu füllen. Und irgendwie ist das auch eine Art von Integration und auf jeden Fall sehr amüsant. (Der Standard/rondo/Florian Holzer/18/10/02)

Moulin Rouge
Walfischg. 11
1010 Wien

Tel: 01/513 50 00, Di-Sa 18-24 Uhr (Restaurant)
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