Loblied auf einen Akkubohrer

22. Oktober 2002, 16:05
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Eine fetzige, kleine Bohrmaschine ist der rotierende Beweis für lebendiges, innovatives Design. Von der Idee eines Produktes und dessen Realisierung berichtet Knuth Hornbogen

Gegenstände, so erläuterte der Philosoph Vilém Flusser 1988 in einer Rede in Ulm, seien Dinge, die im Weg stehen: störende Hindernisse, Probleme. Gebrauchsgegenstände hingegen, so vernahm ein irritiertes Designpublikum, seien solche Gegenstände, mit deren Hilfe andere Hindernisse beseitigt werden können. Sie seien also "Hindernisse zum Abräumen von Hindernissen". Zu allem Überfluss entdeckte der Denker aus Prag in diesem Widerspruch auch noch "Kultur", verstanden als "Gesamtheit aller Gebrauchsgegenstände".

Heute, 14 Jahre nach Flussers Vortrag, erinnert ein Akkuschrauber an des Philosophen Wort. Diese Gattung von Gebrauchsgegenständen hat nämlich die unangenehme Eigenschaft, eben dort zu behindern, wo sie zu helfen verspricht: in kleinen, unzugänglichen Ecken. Nun, da sich ein Hersteller des Problems angenommen hat, ist aber nicht nur ein Hindernis zu bestaunen, das beim Abräumen anderer Hindernisse weniger behindert als seine Artgenossen, es wurde ganz nebenbei auch ein Gegenstand auf die Welt gebracht, der mit dem bisherigen "Bild" eines Akkuschraubers völlig inkompatibel ist.

Entworfen haben ihn der Industriedesigner Jürgen R. Schmidt und dessen Team, das im schwäbischen Ammerbusch unter dem Namen "Design Tech" Industrieprodukten neue Formen gibt. Blicken wir ins Designstudio: Zunächst einmal hat Schmidt keinen Gegenstand entwickeln wollen. Vielmehr, und das ist keine Nebensächlichkeit, sinniert er über das Einschrauben von Schrauben, zerbricht sich über eine Tätigkeit den Kopf, nicht über einen Gegenstand. Er und seine Leute entwickeln zunächst eine fixe Idee, träumen von einem menschlichen Multifunktionsfinger. Eine Mischung aus Mensch und Maschine, an deren äußersten Ende, der Fingerkuppe, sich eine Schraubspitze befestigen lassen soll.

Wendig könnte eine solche Konstruktion sein und, befreit von aller Gegenständlichkeit, in jede Ecke gelangen, würde sich also nicht selbst im Wege stehen. Trickreich wäre die absolut gemeinte These Flussers relativiert. Schnell kehrt indes Ernüchterung ein. Diese Aufgabe, befindet das Team, lässt sich vielleicht von Technikern der Genmanipulation lösen, nicht aber von jenen des Elektrogeräteherstellers Metabo. So geht die Entwicklung in die zweite Runde. Diesmal jedoch in dreidimensionaler Ausdehnung. Wobei die Designer weiterhin Flussers Warnungen beachten (ob wissentlich oder nicht, spielt hier keine Rolle). Der Denker hatte gemahnt: "Je mehr ich beim Gestalten meines Entwurfes die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand richte (je verantwortungsloser ich gestalte), desto mehr wird mein Gegenstand meine Nachfolger behindern."

Und so nehmen Schmidt und seine Mannen einen Klumpen Knetmasse zur Hand, formen eine Wurst, stecken ein handelsübliches Bohrfutter auf die Spitze und fuchteln mit dem weichen Objekt herum, als wollten sie Löcher bohren, Schrauben versenken. Herausgekommen ist bei dieser Übung ein kugelförmiges Etwas. Einige Modellstudien später wird aus der Kugel ein Ei. Eines, das nur durch das Bohrfutter an seine Gattungsgenossen erinnert. Der Rest ist neu.

Allerdings hatten die Techniker der Firma Metabo ihre liebe Not, in dieser Form einen Motor und Akku, die Elektronik und Mechanik unterzubringen - und schafften es nach sieben Monaten dennoch. Auf technische Vorgaben oder tradierte Vorbilder hatten die Designer nämlich nicht geschielt. Allerdings musste das Ei noch einmal mutieren - zur Banane. Nun könnte man sagen: Ja, das ist üblich, ist banal und simpel. Sogar: Rundlich-Abgelutschtes liegt im Trend, der Schrauber ist obendrein ein kleines Produkt, das nur etwas kleiner ist als seine Vorgänger, und schließlich wird ja alles kleiner. Doch Vorsicht! Dieses Gerät ist eben keine Miniatur, hat kein Gerät zum Vorbild. Im Gegenteil: Unter den Bohr- und Schraubhilfen markiert es einen eigenständigen Typ.

Sehen wir uns die Vorläufer an. Einmal abgesehen von den handbetriebenen Kurbeln und vorsintflutartigen Handbohrmaschinen gab es bislang nur zwei Grundtypen. An deren Anfang war das Maschinengewehr: ein lang gestreckter Zylinder, geformt durch die Bauart von Elektromotoren, vorne mit einem Bohrfutter versehen, hinten mit einem Griff. Tüchtig drücken konnte der Handwerker damit. Aber sobald sich der Bohrer festfraß, geriet das Gerät in gefährliche Rotation. So wuchs dem Zylinder ein Griff für die linke, die führende Hand und ein weiterer für die rechte, die drückende. So waren die Kräfte des Drehmoments beherrschbar geworden. Alsbald hatte sich das aggressive Maschinengewehr also zu einer wirksamen Pistole gemausert.

Nun beginnt die lange Zeit zahlloser Varianten, aus der sich auch der Akkuschrauber ableitet. Allesamt folgen dem kleinsten gemeinsamen Nenner aller Designtätigkeit: anders sein. Neben ein paar ergonomischen Verfeinerungen beschränkt sich das Design fortan auf Markenbildung, pflegt das Corporate Design, will heißen: Ein jeder Hersteller prägt ein farblich dominiertes Erscheinungsbild. Die Edelmarke Fein in Orange, Hilti in kräftigem Rot, Bosch und Metabo in Grün - und alle verweisen mit schwarzen Applikationen auf technische Kompetenz. "Neu" ist ein sanft glänzendes Blau bei Geräten aus dem Hause AEG. An der Grundform der Pistole konnten die Designer indes nichts ändern.

Selbst Akkuschrauber in Form eines Stabes präsentieren sich - neben der ergonomischen Unzulänglichkeit - lediglich als kleine Schwester des ursprünglichen Zylinders, dem Anfang aller elektrischen Bohrmaschinen. Mehr noch als die formale Geschichte der Bohrmaschine macht das Warenumfeld, in das sie trifft, staunen, hebt sich das Gerät vom Stand des Designs unserer Tage erfrischend ab. Heute, da Neues nämlich mit neu interpretiertem Alten verwechselt wird, da vom Auto bis zur Zahnbürste das Diktat des Retrodesigns herrscht, ja, da darf sich Freude entfalten, wenn ein Objekt die Welt erblickt, das nicht an anderen Objekten Maß nimmt, sondern am Menschen und seinen Tätigkeiten. Selbst wenn es ein ziemlich banaler Akkubohrer ist. (Der Standard/rondo/18/10/02)

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    foto: metabo, design tech
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