Am Stammtisch

22. Oktober 2002, 16:06
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Joyn heißt das nigelnagelneue Bürokonzept von Vitra, das bei den Shootingstar-Designern Ronan und Erwan Bouroullec in Auftrag gegeben wurde und in dem man sich auf Anhieb willkommen fühlt

Es hallt nun schon seit ein paar Jahren in unseren Ohren: Wenn es um die Welt des Büros geht, spricht man von Mobilität, ständig wechselnden Konstellationen, kollektiven Prozessen, mehr Kommunikation, mehr Tempo und einem Hinweg mit aller Starrheit. Und zu dieser zählt natürlich auch physisches Mauerwerk. Denn das würde, so sind sich Trendsetter und Forscher in Sachen Büro einig, auch die mentalen Barrieren verstärken. Und darum nennt sich auch das Motto des neuen Bürokonzepts von Vitra schlicht und einfach "Break the Walls!".

Die Firma Vitra, die sich seit der Einführung ihres "Action Office" in den 60er-Jahren mit innovativen Bürokonzepten beschäftigt und in diesem Zuge Designer wie Mario Bellini oder Antonio Citterio engagierte, will mit ihrer Novität namens "Joyn" vor allem jene Flexibilität bieten, spontan Arbeitsgruppen bilden zu können. Von Mikroarchitekturen ist da die Rede, vom Büro als kollektiver Seele des Unternehmens.

Schluss mit dem eigenen Tischchen

Klingt alles sehr theoretisch. Doch wie sieht es aus, wenn der Bürohengst morgens das neue Office aus dem Hause Vitra betritt, das kommende Woche auf der Orgatec in Köln, einer der weltgrößten Büromöbelmessen, vorgestellt wird? Erst einmal ist Schluss mit dem eigenen Tischchen. Zu "Joyn" gehört ein riesiger, schneeweißer Stammtisch, der auf zwei Böcken zum Liegen kommt und einer ganzen Truppe Arbeitsplatz bietet. Irgendwie verspielt wirkt sie, die Tafel, so gar nicht Respekt und Ernsthaftigkeit einflößend, wie das so manch großer Besprechungstisch an sich hat, an dem wichtige Männer, hinter Namensschildern und kleinen Fähnchen sitzend, weit reichende Entscheidungen treffen.

Unbeschwertheit strahlt er aus und lässt sich, wie das ein Bürotisch heute draufhaben muss, auch umbauen. Etwa mittels leicht wirkenden, mit Stoff bespannten, aufsteckbaren Trennwänden in Grün oder Orange. Sie erinnern ein wenig an die Volksschulzeit, wenn man bei Diktaten die Schultasche zwischen sich und seinen Nachbarn platzieren musste. Auch dem Gegenüber kann bei "Joyn" mittels Steckelementen der Sichtkontakt genommen werden. Das sind dann die so genannten Mikroarchitekturen, die der Strukturierung des Raums dienen. Schließlich gibt's ja auch noch Jobs, die man wirklich allein erledigen muss. Das stille Kämmerchen gibt's ebenso, in Form von an Duschkabinen erinnernden Zeltchen, wo garan- tiert nicht abgeschaut wird und wo man auch einmal kurz seiner Herzensdame ein paar liebe Worte übers Handy flüstern kann. Zu laut sollte man dabei aber nicht sein.

Leichtigkeit sei der zentrale Punkt

Verspielt wirkten auch die jungen französischen Design-Über-Drüber-Flieger Ronan und Erwan Bouroullec, die ihr Konzept vor kurzem vorstellten. Während also Vitra-Boss Rolf Fehlbaum vor versammelter Journalisten-Schar über das Projekt referierte, klatschte Ronan, das ist der Ältere der beiden Bouroullecs, mit einiger Wucht und einem Lineal seinem kleinen Bruder auf die Finger, der nervös klackend mit einem Kugelschreiber spielte. Nachdem Fehlbaum seinen Vortrag zu Ende brachte, wurde das Wort dem schüchtern grinsenden Erwan erteilt. Dieser meint, mit "Joyn" eine gute Willkommenssituation schaffen zu können. Er versteht den großen Tisch als eine Art "Starting point", ein offenes System, um das sich das Leben im Büro organisieren soll. Leichtigkeit sei der zentrale Punkt.

Zwischendurch klatschte das Lineal erneut auf seine Finger, die schon wieder hektisch mit dem Kuli hantierten. Den immer breiter getretenen Begriff von "Work-Stations" wollen die Designer, die für Topfirmen wie Cappellini, Flos, Seiko und viele mehr arbeiten, nicht hören. Ihr Büro soll als Haus verstanden werden.

Aus einem Riesentisch - viele "Work-Stations"

Nach dem Wort folgte die Tat, die Bouroullecs legten selbst Hand an und bauten ihren Riesentisch um - schwuppdiwupp wurde aus der Tafel eine Arbeitsfläche mit vielen kleinen Kabäuschen. Trotz des Umbaus kann eine ruhige Atmosphäre erhalten werden, denn ein weiteres Kernelement von "Joyn" ist, dass wirklich jeder seinen Platz selbst zusammenschustern kann, ohne einen Haufen Haustechniker rufen zu müssen. Genau das ist ja laut Fachleuten ein Knackpunkt neuer Bürokonzepte. Glaubt man den Experten, so werden derlei neue Errungenschaften nur genutzt, wenn sie auch einfach handzuhaben sind.

Die Zusammenarbeit der Bouroullecs mit Vitra freute beide Seiten. Rolf Fehlbaum, der die Brüder Bouroullec als zwei der hoffnungsfrohsten Talente der Szene bezeichnete, spricht von reichhaltigen Erfahrungen, die er sammeln durfte, Ronan meint, wenn man mit Italienern zusammenarbeite, würden die Mittagspausen zwar weitaus gemütlicher ausfallen, aber vom ungeheuren Wissen im Hause Vitra zu profitieren, sei schon eine tolle Sache.

Ob die Bürowelten auch außerhalb der Orgatec etwas vom neuen Streich der Bouroullecs wissen wollen, wird sich weisen. Auf jeden Fall hält mit "Joyn" ein wirklich neuer Ansatz Einzug in einen Bereich, in dem sich trotz vieler Rollen und Rädchen an den Möbeln schon lange keine so fröhliche Veränderung mehr ergab. (Der Standard/rondo/Michael Hausenblas/18/10/02)

"Joyn" ist auf der Orgatec in Köln in der Halle 14.1, Korridor F 20 / G 19 vom 22. bis 26. Oktober zu finden.
  • Artikelbild
    foto: vitra
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