Büro-Raum-Traum

17. Oktober 2002, 21:29
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Dustin Tusnovics sieht in der Architektur die Lösung aller künftiger Bürofragen: Die Trends geben ihm Recht, der Raum, nicht das Möbel ist der Büroschlüssel

Der Arbeitsbereich "Büro" hat sich in den vergangenen Jahren drastisch modifiziert. Logistik und Flexibilität sind zu Schlagwörtern geworden. Die neuen Technologien haben den Arbeitsplatz zur High-Tech-Station ausgebaut, auch das Drumherum hat sich im E-Mail-Zeitalter gewandelt. Selbstverständlich ist auch die Art und Weise jedes einzelnen, das Büro zu nutzen, eine andere geworden. Nomadische Arbeitsformen haben in diversen Branchen Einzug gehalten, das zeitweilige Arbeiten von unterwegs oder Zuhause hat sich auch in der Büroorganisation der angestammten Firmensitze bemerkbar gemacht.

Gearbeitet wird in der Eisenbahn, im Flugzeug, sogar im Kaffeehaus und in Hotelzimmern. Der Laptop ist mobiles Mittel zum Zweck, ebenso das Mobiltelefon, der Pager, der papiertaschentuchkleine Kalkulator, der Termine ebenso verwaltet wie Unternehmensdaten. Was ist es also, was wir heutzutage unter dem Begriff "Büro" verstehen? Der Triestiner-Wiener Architekt Dustin Tusnovics hat für diverse internationale Unternehmens- und Arbeitsformen Büros auf die jeweiligen Bedürfnisse zurechtgeschneidert. Im RONDO-Interview gibt er Auskunft darüber, wie heute gearbeitet wird, und wie ein Büro der Zukunft ausschauen könnte.

DER
STANDARD: Was ist das heutzutage eigentlich, ein Büro?
Tusnovics: Man muss ausholen: Nicht für jeden gilt, was wir als Gegenwart definieren. Für einen gewissen Teil von Unternehmen ist das Thema neues Büro bereits aktuell geworden, etwa für die Branchen, die viele Beschäftigte haben, die viel unterwegs sind, wie etwa Consulter, Berater, Verkäufer und so weiter.

Sie haben sich intensiv mit dem Thema Büro auseinandergesetzt. Welche Formen haben Sie kennen gelernt?

Tusnovics: Wenn von fünfzig Leuten vierzig mehr als die Hälfte ihrer Zeit unterwegs sind, muss man überlegen, ob es nicht neue Arbeitslösungen für sie gibt, wie etwa Desk-Sharing oder Hot-Desking, was letztlich zum non-territorialen Büro führt, das sich nicht über Arbeitsplätze, sondern über Funktionen definiert, die an bestimmten Orten passieren.

Gehen wir die traditionellen Büroelemente durch. Was wurde aus dem guten alten Schreibtisch, dem Aktenschrank, dem Bleistiftfach?

Tusnovics: Tatsächlich haben sich die gar nicht stark verändert, weil die Büromöbelindustrie extrem hinten nach hinkt. Es ist Aufgabe der Architekten geworden, die idealen Schauspieler, die den funktionellen Ansprüchen entsprechen, herauszusuchen und auch zu formen.

Welche neuen Elemente kamen dazu?

Tusnovics: Der Schreibtisch bleibt ein altes Thema, er braucht lediglich die entsprechende Dimension, Proportion und Größe. Computerarbeitern genügt unter Umständen nur ein kleiner Platz, andere benötigen größere Flächen. Was sich wirklich verändert hat, ist der Stauraum. Als persönlichen Stauraum habe ich eventuell nur mehr eine aktentaschengroße Box, dann geht's los: Wie viel bin ich im Büro, welche Projekte welcher Größe bearbeite ich, und für welche Dauer? Es gibt ein temporäres Projektarchiv und später das eigentliche Archiv. Dort geht die Tendenz tatsächlich in Richtung papierloses Büro: Was wird in Zukunft überhaupt und in welcher Form abgelegt werden? Wie werden diese Datenträger ausschauen? Dafür gilt es erst, die Büromöbel zu entwickeln. Es geht prinzipiell aber nicht so sehr um Möbel im einzelnen, sondern um eine gesamtarchitektonische Kompetenz des Raumes.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Mitarbeitern gemacht? Wurden die Neuerungen gerne aufgenommen?

Tusnovics: Jede Neuerung ist immer ein Problem, weil Menschen sich mit Veränderung schwer tun. Eine neue Bürostruktur muss sich einspielen. Ich habe, nach gewisser Frist, die besten Erfahrungen gemacht.

Wer profitiert hauptsächlich von bürointernen Umstrukturierungen: die Mitarbeiter, oder die Unternehmen, die eventuell Platz und Miete sparen?

Tusnovics: Wenn das Projekt intelligent ist, profitieren alle. Die Mitarbeiter, weil sie neue Qualitäten im Büro kennenlernen, die Unternehmer, weil sie möglicherweise wirklich Fläche sparen oder diese anders verwenden können. Vor allem profitiert aber das Ego jedes einzelnen, weil neue Lösungen neues CIs schaffen, was heutzutage extrem wichtig ist.

Wie könnte das Büro der Zukunft ausschauen?

Tusnovics: Die meisten Unternehmer trauen sich nicht wirklich, etwas zu verändern. Doch jeder, der über Rationalisierungen nachdenkt, müsste sich auch Gedanken über die Architektur seines Büros machen. Außerdem stellt sich die Frage ob das, was wir heute tun, nicht sowieso in 50 Jahren Archäologie ist, weil die Entwicklung im Bereich der IT-Medien so rasch passiert, dass wir heute gar nicht wissen können, was die Zukunft an Erfindungen bringt. Wir können daher heute noch nicht sagen, wie sich die Architektur den neuen Gegebenheiten wird anpassen müssen. Einen Trend gibt es dennoch, und zwar das berühmte Hoteling, wo Büro- oder Hotelflächen für die Dauer eines Meetings zu virtuellen Firmensitzen werden, sich wieder auflösen und später woanders wieder Fuß fassen. (Der Standard/rondo/Ute Woltron/18/10/2002)

Architektur: Dustin Tusnovics
Fotos: Josef Pausch
  • Dustin Tusnovics
    foto: sina baniahmad

    Dustin Tusnovics

  • Artikelbild
    foto: josef pausch
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