von Clarissa Stadler

17. Oktober 2002, 21:05
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N. kramt in seinem Mantel nach einer Euromünze. Für den Einkaufswagen. Es gibt nichts Schlimmeres, denkt N., als an einem Samstagnachmittag in einem Supermarkt zu sein, wo man doch an hunderten anderen Orten sein könnte, die alle weniger entsetzlich wären als ein Supermarkt am Wochenende.

N. nimmt Kurs auf die Obstabteilung. Der Einkaufswagen rollt nicht richtig. Irgendetwas blockiert die Räder und verursacht ein schleifendes Geräusch. Als N. sich bücken will, um das Stück schmierige Plastikfolie zu entfernen, sieht er im linken Augenwinkel, vor dem Gemüseregal, ungefähr auf Zucchinihöhe, seinen Steuerberater an der Gemüsewaage hantieren. N. benötigt eine Zehntelsekunde, um sich zu erinnern, dass seine Belege für das dritte Quartal noch immer nicht geordnet, geschweige denn abgegeben sind, und lenkt seinen Wagen ruckartig in Richtung Hygieneartikel. Der Einkaufswagen bockt. Das klemmende Rad verursacht einen Rechtsdrall, sodass N. sich mit aller Kraft dagegenstemmen muss. Hinter dem langen Klopapierrollenregal nimmt er Zuflucht und holt tief Luft.

N. wirft zwei Tuben Zahnpasta in den Korb und untersucht im Geiste seinen Badezimmerschrank auf fehlende Bestände. Da ihm diese Übung wie immer nicht gelingt, beginnt er bei den neuesten Zahnbürstenmodellen zu stöbern, um sich dann gelangweilt dem Eckregal mit den Kondomen zuzuwenden. Eine Frauenstimme im Hintergrund erregt seine Aufmerksamkeit. Sie zwitschert einem männlichen Begleiter zu, dessen Tonfall N. nicht einordnen kann. Aber die Frauenstimme, die kennt er. Und er weiß, dass er die Person, die zu dieser Stimme gehört, nicht treffen möchte. Nicht hier. (Der Standard/rondo/18/10/2002)

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    foto: derstandard
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