Gezielter Angriff auf Krebszellen

16. Oktober 2002, 19:55
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Boehringer Ingelheim startet Studien mit an Antikörper gekoppeltem Chemotherapeutikum

Wien/Ingelheim/New York - Gezielter Angriff auf Krebszellen: Der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim mit Krebs-Forschungszentrum in Wien startet gemeinsam mit dem US-Unternehmen ImmunoGen (Cambridge/Massachusetts) die Erprobung eines potenziell revolutionären Krebsmedikaments: Ein an Antikörper gekoppeltes Chemotherapeutikum.

"Auf Grund des präklinischen Profiles setzen wir große Hoffnung in diesen Wirkstoff und freuen uns, diesen Produktkandidaten in die klinischen Studien führen zu können", sagte dazu Dr. Wolfgang J. Rettig, Leiter des Bereiches Forschung und Entwicklung bei Boehringer Ingelheim Austria.

Monoklonale Antikörper gegen Oberflächen-Protein

Der deutsche Konzern und ImmunoGen verfolgen dabei eine interessante Kombination: In Wien wurden schon in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen für die ausgesprochen zielgenaue Verabreichung von Krebsmedikamenten geschaffen. Bei Boehringer Ingelheim wurden monoklonale Antikörper entwickelt, die ganz gezielt das Oberflächen-Protein CD44v6 auf Tumorzellen ansteuern.

Mit dem Projekt der Wissenschafter wird auf Erkenntnisse aufgebaut, mit denen im Jahr 1992 Dr. Peter Herrlich vom deutschen Kernforschungszentrum in Karlsruhe und Dr. Margot Zöller vom deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) die "Wanderjahre" von Krebszellen im Körper von Patienten aufklärten. Sie entdeckten auf Zellen von Tumoren der Bauchspeicheldrüse das Molekül CD44 in mehreren Varianten. Je nachdem, welche Variante gebildet wird, kommt es früher oder später zur Absiedlung von Tochtergeschwülsten (Metastasen).

"Humanisiert"

Die Boehriner Ingelheim-Wissenschafter erzeugten in Wien erzeugten eine große Anzahl von Antikörpern gegen die CD44v6-Variante des Eiweißes. Das geschah zunächst auf der Basis von Mäusen. Die beste Variante wurde ausgesucht. Dann wurden die Antikörper "humanisiert", um Abwehrreaktionen auszuschalten.

CD44v6-Moleküle finden sich auf den Zellen von Karzinomen, die aus Zellen des so genannten Plattenepithels entstehen. Dazu gehören Tumoren der Haut, des HNO-Bereichs und der Lunge. Die Moleküle finden sich sowohl auf den Primärtumoren als auch auf Tochtergeschwülsten.

Die Ergänzung dazu bietet die zytotoxische Prodrug-Substanz DM1 von ImmunoGen. Das Unternehmen kann mehrere Chemotherapeutika auf Antikörpern unterbringen. Sie sind außerhalb von Krebszellen ungiftig. Erst in Krebszellen wird die Vorstufe ("Prodrug") zu dem eigentlichen Zellgift umgewandelt. Bei der Substanz, die bei den klinischen Studien jetzt an die Antikörper gekoppelt erprobt wird, handelt es sich um Maytansin. Die Maytansinoide wurden ursprünglich in Pflanzen entdeckt und zeichnen sich durch einen starken zellschädigenden Effekt aus. (APA)

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