"Kein anderes Heer ist ständig solchen Torturen ausgesetzt"

16. Oktober 2002, 21:45
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Militärspitzen warnen vor dem "Hungertod"

Braucht Österreich mehr Geld gegen den Terror? Und Abfangjäger, um jemals wieder Olympische Spiele veranstalten zu können? Die Antwort der Militärs: ja, wegen der Abwehr von Anschlägen aus der Luft. Ein Pressegespräch mit der Spitze des Bundesheeres.

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Wien - Mithilfe ziviler Flugpläne konnten bis vor wenigen Jahren bewaffnete Flugzeuge von Nordafrika aus nach Europa eindringen. Sie wären wegen dieses Tricks nicht erkannt worden. Karl Gruber, Chef der österreichischen Luftraumüberwachung, schildert dieses Beispiel in einem von der Offiziersgesellschaft organisierten Pressegespräch, um die Qualität der "Goldhaube" zu betonen. Erst seit kurzem habe auch Italien, wie Österreich schon länger, die Möglichkeit, via Computersoftware und Kooperation mit dem zivilen Radar, eine "angekündigte Boeing zu enttarnen, weil sie viel zu hoch fliegt". Keine neuen Abfangjäger anzuschaffen bedeute auf lange Sicht auch eine Abschaffung der effizienten Luftraumüberwachung.

Erich Wolf, Leiter der Luftabteilung, begründete die (abgeblasene) Anschaffung der Eurofighter mit den heutigen Aufgaben und dem künftigen Bedrohungsbild. Gestern: Im September galt es, den Luftraum über Salzburg wegen des "European Economic Summit" abzusichern. Wenn Österreich solche Konferenzen wolle, müsse es selbst für den Schutz sorgen. Morgen: Zwei Tage vor den Nationalratswahlen findet in Prag ein Nato-Gipfel statt. Im August kam eine Anfrage wegen der notwendigen Luftsicherung. Tschechien hätte für die Nato diese Aufgabe übernommen. Von Wolf nicht aufgeworfen, aber konsequent weitergespielt: Was, wenn tschechische Jets in den österreichischen Luftraum eindringen?

Riess-Passer über den USA abgefangen

Zukunft: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) habe im Blick auf die Salzburger Bewerbung für 2010 angefragt, wie Österreich seinen Luftraum gegen die Gefahr eines Terroranschlags abzusichern gedenke. Wolf erinnerte, dass Susanne Riess-Passer in den USA mit ihrem Business-Jet abgefangen wurde, weil das Flugzeug nicht ordnungsgemäß angemeldet war. Die USA hätten den Luftraum massiv kontrolliert.

Warum könne dann ein so erfahrener Diplomat wie der Exgeneralsekretär des Außenamtes, Albert Rohan, in einem STANDARD-Interview sagen, Österreich brauche keine Abfangjäger? Darauf Walter Feichtinger von der Landesverteidigungsakademie: "Das wird in dreißig Jahren so sein. Jetzt brauchen wir sie, weil es eine europäische Verteidigung noch nicht gibt." Mit dem Eurofighter, so Wolf, habe man sich für eine Variante entschieden, die über diese Zeitspanne hinweg die voraussehbaren Aufgaben schaffen könne. Die USA hätten "nicht die modernste F 16" angeboten. "Und was sie nicht anbieten, kriegen wir nicht."

Wenn man dem Bundesheer die Beschaffung moderner Waffen nicht mehr ermögliche, sei auf Sicht der Auftrag der Verfassung, nämlich der Schutz der Souveränität des Staates, nicht mehr zu garantieren, assistierte Herbert Bauer, Brigadier und Vizepräsident der Offiziersgesellschaft. Der militärische Charakter des Heeres aber sei "eine Voraussetzung für alle anderen Aufgaben wie beispielsweise den Katastrophenschutz", argumentierte Roland Ertl, der zukünftige Generalstabschef des Bundesheeres. "Wir haben in den letzten zwölf Jahren nicht nur Budget abgebaut. Wir mussten auch noch auf eigene Kosten den Grenzschutz aufbauen." Das Heer und er selbst müssten sich angesichts dieser Dramatik fragen: "Wo und wann sperren wir was zu?" (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

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    Wurde laut dem Leiter der Luftabteilung, Erich Wolf, in den USA mit ihrem Business-Jet abgefangen, weil das Flugzeug nicht ordnungsgemäß angemeldet war: Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer

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