Irakischer Infantilismus

16. Oktober 2002, 19:13
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Die Wahlen im Irak kommentiert Gudrun Harrer

Literaturnobelpreisträger Imre Kertész sagt, dass eine der Grundzüge von Diktaturen die Infantilisierung der eigenen Bevölkerung ist. Auf nichts trifft dieses Diktum besser zu als auf das irakische "Referendum", wobei der Verdacht nahe liegt, dass in den vergangenen sieben Jahren die Idiotie des Regimes um mehr als die 0,04 Prozent zugenommen hat, um die Saddam Hussein sein "Wahlergebnis" von 1995 verbessert hat. Was für ein Zynismus es ist, die Iraker und Irakerinnen gerade in der jetzigen Situation zur 100-Prozent-Bestätigung Saddams in die "Wahllokale" zu beordern, kriegen wahrscheinlich sogar Saddam-Apologeten in der arabischen und islamischen Welt und in Kärnten mit.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Den irakischen "Wählern" ist keinesfalls Dummheit vorzuwerfen, wenn sie brav ihr Kreuzerl an der "Ja"-Stelle machen, im Gegenteil, sie wären schön blöd, so kurz vor der absehbaren Götterdämmerung noch irgendetwas zu riskieren. Es gibt im Irak nur eine Art von bekennenden Oppositionellen, nämlich tote.

Bei aller Gewissheit, dass die Iraker Saddam nur zu gerne los wären: Die Frage, ob sich die irakische Bevölkerung im Fall eines US-Angriffs sofort gegen das Regime stellen würde, ist trotzdem nicht eindeutig zu beantworten. Das Trauma von 1991, als die alliierten Kuwait-Befreiungskräfte ruhig zusahen, als Saddam Aufstände im Norden und im Süden blutig niederschlug, sitzt tief: Von daher stammt die Überzeugung, dass die USA Saddam halten wollen. Viele Iraker werden erst gegen das Regime auftreten, wenn dieses sicher besiegt ist.

Dazu kommt noch die Befürchtung, dass man befreit wird, um wieder besetzt zu werden - in einem Land, das seine Souveränität erst vor siebzig Jahren errungen hat und das erst der Irak-Iran-Krieg so richtig zum Nationalstaat geschmiedet hat, ein gewichtiger Grund, gegen die USA zu sein.

(DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

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