"Pinocchio ist eine Illusion"

16. Oktober 2002, 20:57
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Italien steht Kopf, Roberto Benignis Adaption des Kinderbuchklassikers provoziert aber auch Polemiken

Italien steht Kopf: Endlich gibt es einen neuen Film von und mit Roberto Benigni ("Das Leben ist schön")! Die aufwändige Adaption des Kinderbuchklassikers "Pinocchio" provoziert aber auch Polemiken.


"Wissen Sie eigentlich, dass Pinocchio nach der Bibel das meistverkaufte Buch aller Zeiten ist?", fragt Roberto Benigni mit einem listigen Seitenblick. Wenn von Pinocchio die Rede geht, gerät der Schauspieler, Regisseur und Komiker, der gegenwärtig in Rom von einem Interview zum nächsten weitervermittelt wird, ins Schwärmen. Vielleicht auch, weil seine Adaption des Kinderbuchklassikers gegenwärtig die Öffentlichkeit bewegt wie kein anderes Ereignis.

"Ich habe das Buch erst im Alter von 20 Jahren gelesen", erzählt Benigni auch im Gespräch mit dem STANDARD. "Es hat mich seither nicht mehr losgelassen. Freiheit und Fantasie, Glück und Illusion, Schmerz und Freude, Bosheit und Liebe: Alles ist darin vereint. Es ist ein im Grunde grausames Buch. Eines zum Lachen und Weinen. Die Faszination liegt darin, dass Pinocchio selbst eine Illusion ist und von Illusionen lebt. Doch für ihn gibt es nichts Realeres als die Illusion. Es gibt unendlich viele Gründe, sich in Pinocchio zu verlieben."

Pläne mit Fellini

Die Idee, das 1880 von Carlo Collodi geschriebene Buch zu verfilmen, verfolgte Benigni seit vielen Jahren. "Ich wollte das Projekt mit Federico Fellini verwirklichen. Wir haben zusammen sogar einige Probeaufnahmen gedreht. Fellini nannte mich immer Pinocchietto, wegen meines toskanischen Dialekts und meiner Gewohnheit, beim Reden mit den Armen zu fuchteln. Als ich ihn zum letzten Mal begegnete, war er sehr krank. Und er forderte mich auf, den Film alleine zu drehen."

Doch ein Stück Fellini ist bei Pinocchio mit im Spiel und vor allem in den Zirkus- und Massenszenen unverkennbar. Denn Benigni engagierte dessen oscarprämierten Ausstatter Danilo Donati. Ihm, der noch vor Abschluss der Dreharbeiten starb, ist der Film auch gewidmet.

Acht Monate drehte Roberto Benigni mit 170 Leuten unter strenger Geheimhaltung in einer aufgelassenen Fabrikhalle im umbrischen Terni. Den Schauspielern und Mitarbeitern wurde absolute Schweigepflicht auferlegt. Mit über 40 Millionen Euro war es der teuerste je in Italien produzierte Film. Das Geld brachte die Produktionsfirma Melampo auf, die Benigni und seiner Frau Nicoletta Braschi gehört, die im Film auch die himmelblaue Fee spielt.

Ein geschickter Werbefeldzug stimulierte die Neugier der Zuschauer und ließ am vergangenen Wochenende die Italiener massenweise in die Kinos strömen. Sieben Millionen Euro spielte der Streifen bereits am ersten Wochenende ein - ein Rekord. Doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen. In den Aussagen vieler Zuschauer spiegelte sich Ratlosigkeit wider.

Waren die (nach Benignis Meisterwerk Das Leben ist schön hoch gesteckten) Erwartungen überzogen? Was, so fragten manche, fehle dem fotografisch perfekten Film, um wirklich zu überzeugen? Eine ernüchternde Vermutung drängte sich auf: Kann es sein, dass in einem Film, in dem es vor Märchenfiguren wimmelt (zauberhaft: Kater und Fuchs), ausgerechnet das Märchenhafte, Verspielte auf der Strecke geblieben war? Dass dem mit Spezialeffekten überfrachteten Werk die Seele fehlt?

Roberto Benigni hat Collodis Werk buchstabengetreu auf die Leinwand gebracht - mit fast philologischer Akribie. Eine Entscheidung, die er hartnäckig verteidigt: "Wer sich ins Dickicht der Symbolik begibt, verliert sich in einer Vielzahl von Interpretationen. Eines steht fest: Pinocchios Seele ist rein. Schlecht ist nur die Welt, die ihn umgibt."

Diese Weisheit bekommt auch Publikumsliebling Benigni jetzt erstmals zu spüren. Italiens bekanntester Komiker, der mit seinen virtuosen Auftritten über 20 Millionen Italiener an die Fernsehschirme lockte, muss sich herbe Kritik gefallen lassen: zu viele Tricks, zu wenig Komik, zu wenig Witz und Esprit. Tatsächlich ist Pinocchio ein trauriger Film, in dem es kaum was zu lachen gibt. Und vielleicht ist für die Italiener Benigni ohne Komik ganz einfach kein echter Benigni.

Kritik und Politik

Bleibt die Frage, ob es reicht, eine 120 Jahre alte moralisierende Fabel ohne Neubearbeitung, ohne Interpretation und ohne Aktualisierung ins Kino zu bringen. Und: Kann ein 50-Jähriger glaubhaft Pinocchio verkörpern? Und: Warum hat Benigni den Film der Berlusconi-eigenen Vertriebsgesellschaft Medusa anvertraut? Fragen, die in Italien die Gemüter erhitzen.

Benignis Drehbuchautor, der Schriftsteller Vincenzo Cerami, erregte sich am Montag in der Turiner Tageszeitung La Stampa über die "Bös- willigkeit der Kritiker": Benigni werde ausgerechnet von linken Rezensenten "mit Schlamm beworfen". Deren Reaktionen seien "giftig und aggressiv". Auf seinem Rücken würden "politische Rechnungen beglichen". Es ist wie immer in Italien: Alles endet im politischen Geplänkel.

Auch eine Märchenverfilmung vermag sich dieser Logik offenbar nicht zu entziehen. Der STANDARD-Korrespondent hat sich Pinocchio übrigens in einer Nachmittagsvorstellung angesehen. Die Kinder rund um ihn waren vom Film hingerissen. Zweifel stiegen auf: Vielleicht haben wir es ganz einfach verlernt, ein Märchen mit den Augen eines Kindes zu sehen? (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

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