17 Sexualmorde wären vermeidbar gewesen

16. Oktober 2002, 20:25
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Rückfalltäter sollen leichter einschätzbar werden - Kriminalpsychologe stellte neue Erkennungsmethode vor

Leogang - 17 Sexualmorde der vergangenen zwölf Jahre wären zu verhindern gewesen. Das erklärte Kriminalpsychologe Thomas Müller Mittwoch bei den Sicherheitstagen des Kuratoriums Sicheres Österreich (KSÖ) in Leogang. Als Begründung nannte der Experte die Tatsache, dass es sich bei den Mördern um Wiederholungstäter handelte, und diese wären mit den jetzt zur Verfügung stehenden Informationen leichter erkennbar gewesen.

Crossover-Design

Möglich soll dies eine neue Methode machen, das so genannte Crossover-Design. Müller präsentierte diese zusammen mit dem ärztlichen Leiter der größten "Maßregelvollzugsanstalt" in Europa, Michael Osterheider vom Westfälischen Zentrum für Forensische Psychiatrie.

95 Prozent der Informationen verschwinden oft während der Verhandlung

Beim Crossover-Design geht es darum, die Informationen des Ermittlungsverfahrens den Experten im Maßregelvollzug zugänglich zu machen, die eine Beurteilung des Rückfallrisikos zu erstellen haben. Müller: "Bis zu 95 Prozent der Informationen des Ermittlungsverfahrens verschwinden in den Kellern der Landesgerichte."

Der Schwerpunkt dieser Informationen liegt bei der Tatortanalyse, aus der zunächst die Kriminalpsychologen Rückschlüsse auf die Bedürfnisse des Mörders ziehen können. Genau das ist den Experten zufolge später - bei der Beurteilung einer allfälligen Wiederholungsgefahr, aber auch bei Therapieansätzen - ebenso wichtig. "Es ist nicht entscheidend, was jemand sagt, sondern das, was er tut", formulierte es Müller.

Die Spezialisten für Crossover-Design - übrigens eine Kooperation des Kriminalpsychologischen Dienstes des Innenministeriums mit dem Westfälischen Zentrum für Forensische Psychiatrie - beschäftigen sich ausschließlich mit sexuell motivierten Tötungsdelikten. Die Fragestellung lautet: "Was geht in solchen Menschen vor?", sagte Osterheider.

"Ich war das gar nicht"

Die Tatortanalyse sei umso wichtiger, da die Patienten nicht über ihre Bedürfnisse sprechen, erklärte der Leiter der Forensischen Psychiatrie. "Die meisten sagen: ,Eigentlich war ich das gar nicht. Das war jemand anderer.'" Besonders aussagekräftig sei die Analyse eines Tatortes unter dem Gesichtspunkt: "Was hat der Täter getan, was er nicht tun musste?"

Die Experten zeigten sich überzeugt, dass ohne Auseinandersetzung mit der Tat eine kritische Prognose zum Täter nicht möglich ist. Bei dem interdisziplinären Ansatz des Crossover-Designs arbeiten übrigens neben Kriminalpsychologen und forensischen Psychiatern auch Vertreter der Rechtsmedizin sowie Kriminalisten mit.

Überhaupt wolle er die Wiener Gerichtsmedizin "zurück an die Weltspitze" bringen, betonte Manfred Hochmeister, seit September Leiter des Instituts. Hochmeister erinnerte daran, dass 1804 die weltweit erste Lehrkanzel in Wien eingerichtet worden sei. Seither seien immer wieder berühmte Kriminalfälle erfolgreich bearbeitet worden. Der Aufbau eines neuen Zentrums für forensische Wissenschaften am Wiener Institut für Gerichtsmedizin sei eine Herausforderung.

Es seien dafür aber auch mehrere Punkte zu erfüllen, so Hochmeister. Dringend notwendig seien der Neubau des Instituts und die Neubesetzung mit wissenschaftlich orientiertem Personal. Ebenfalls erforderlich sei die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems. (APA)

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