"Keltischer Tiger" als Profiteur

16. Oktober 2002, 17:30
posten

60 Milliarden Euro seit 1973 für Dublin - 2006 ist Irland Nettozahler

Dublin - Wenn man alles zusammenzählt, haben die vier Millionen Iren in den vergangenen dreißig Jahren 60 Milliarden Euro von ihren EU- Partnern erhalten. Ab 2006 allerdings ist Zahltag: Irland wird Netto-Beitragszahler. Das Geld vom reichen Onkel in Brüssel wurde allerdings glänzend investiert, Irland ist das Vorzeigebeispiel für den Erfolg der "Kohäsionspolitik", der Einebnung des Wohlstandsgefälles in der EU.

Als Irland 1973 Mitglied wurde, lag die Wirtschaftsleistung pro Kopf bei etwa 60 Prozent des EU-Durchschnitts (tiefer also als heute in Slowenien) - heute liegt sie bei über 120 Prozent. Aber Autobahnen und Kläranlagen, Ausbildungsplätze und Silagetanks sind nicht das Einzige. Irlands Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen befreite das Land von seinem Minderwertigkeitskomplex, von seiner "englischen Obsession".

Das neue Selbstvertrauen setzte Kräfte frei: Die Gelder aus Brüssel wurden als Vertrauensbeweis verstanden, als Initialzündung für die eigene Wirtschaftsentwicklung. Und der Wunsch der EU nach Mehrjahresplänen, nach einem integrierten Ansatz für den Ausbau der Infrastruktur, zwang die Iren zur Disziplin. Aus dem Armenhaus Europas wurde der "keltische Tiger".

Der mutigste Sprung ins kalte Wasser wurde kaum beachtet: 1979 schloss sich Irland dem Europäischen Währungssystem an, obwohl das Vereinigte Königreich abseits blieb. Irland musste die Währungsparität mit seinem größten Handelspartner aufgeben - und der Erfolg war keineswegs garantiert. Doch die Iren wollten sich aus dem Fahrwasser der damals trägen britischen Wirtschaft befreien und sich an die deutsche Lok hängen.

Die Rolle des dankbaren Beschenkten hat lange Irlands Haltung zur EU geprägt. Zugleich wurde die europäische Integration nur danach bemessen, was unter dem Strich raussprang. Irische Politiker kamen von EU-Gipfeln mit greifbarer Beute nach Hause und verzichteten darauf, das europäische Ideal anzupreisen. Mit der Nizza-Ablehnung trauten sich die Iren nun erstmals aufzumucken. (mal/DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

Share if you care.