Ein Polizeihund als neuer Gast im Hotelzimmer

16. Oktober 2002, 17:24
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Indonesiens Regierung reagiert mit Beschlüssen und großem Polizeiaufgebot - Urlauber und Bewohner kämpfen mit ihrer Furcht

Mit Kabinettsbeschlüssen und großem Polizeiaufgebot versucht sich Indonesiens Regierung über die Tage nach dem

Terrorakt auf Bali zu retten. Auf der Insel

aber kämpfen Urlauber und Bewohner

mit einer Normalität, die nicht normal ist:

Ein Anschlag ist immer möglich, sagen sie.

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Morgens um zehn kamen die Polizeihunde. Statt des Zimmermädchens standen plötzlich Beamte der indonesischen Polizei mit ihren dunkelblauen Uniformen im Raum und ließen die Hunde nach Sprengstoff schnüffeln. "Vor allem auf den Balkonen", präzisiert Sandra Steil, während ihre Eltern diesen sonderbaren Mittwochmorgen im Hotel Revue passieren lassen. "Da ist mir dann doch mulmig geworden."

Nun konnte man bis dahin in den großen Hotelanlagen von Nusa Dua an der Südspitze Balis ganz gut leben, ohne von dem Terroranschlag im benachbarten Kuta, dem schwersten seit dem 11. September 2001, wirklich Notiz nehmen zu müssen. Einer der Speisesäle war zwar plötzlich zu, weil die Gäste aus Japan und Australien am Tag nach der Explosion abreisten. Und dann waren da die zwei jungen Italiener, die mit Bandagen an Armen oder Beinen aus der Terrornacht in Kuta kamen und offenbar die Koffer gepackt hatten. Doch in Nusa Dua gibt es nur eine Welt - das weite Blau des Indischen Ozeans und die warme Luft, die den Besucher in Watte packt.

Spekulationen über nächstes Ziel

Bis zum Mittwoch eben. Dann tauchte neben der Polizei und den Hunden wie schon zuvor in Kuta die Fregatte der indonesischen Marine auf, um das Strandgebiet nach verdächtigen Booten abzusuchen, die Sprengstoff geladen haben könnten. Die Hotelangestellten tuschelten dagegen über ein anderes, nächstes Ziel der Terroristen. Ubud, die "Künstlerstadt" im gebirgigen Inselinneren und von Touristen gern angesteuert, könnte es wohl werden. Dieter Steil, der Familienvater aus Mannheim, sagt deshalb den Satz, der an diesem Tag den Politikern noch mehrmals über die Lippen geht: "So ein Anschlag kann überall passieren, auch in Deutschland. Und wenn ich jetzt ständig Angst habe, brauche ich nirgendwo mehr hinzugehen."

Auch Bachtiar Chamsay, Indonesiens Minister für Kultur und Soziales, drückt sich später bei einer Pressekonferenz in Kuta - der ersten, die ein Regierungsmitglied vier Tage nach dem Anschlag auf Bali gibt - so aus, und kann den chaotischen Eindruck, den die Regierung in der Hauptstadt Jakarta angesichts der internationalen Vertrauenskrise macht, nur schwer verwischen. Die Regierung werde "harte Maßnahmen" ergreifen, um gegen den Terrorismus zu kämpfen, verspricht er. Ein neuer Sicherheitsapparat mit mehr Kompetenzen werde geschaffen. So habe es das Kabinett am Montag beschlossen. Spricht's und verschwindet wieder, der Minister hat einen sehr engen Terminkalender, heißt es.

Zwie Indonesier verhaftet

Je nachdem, ob die Polizei sich in Jakarta oder auf Bali zu Wort meldet, nimmt der Fortgang der Ermittlungen über die Täter des Terroranschlags verschiedene Gestalt an. Balis Polizeichef Budi Setiawan spricht am Mittwoch von einem Minibus, in dem die Attentäter den Plastiksprengstoff vor dem "Sari Club" deponiert hatten, Polizeichef Da'i Bachtiar in der Hauptstadt bestreitet dies. Ein weißer Plastiksack könnte es gewesen sein, den ein Mann nach Zeugenaussagen niedergelegt hatte, und der dann flüchtete. Zwei Indonesier sind in diesem Zusammenhang verhaftet worden. Ein früherer indonesischer Luftwaffenoffizier soll den Sprengsatz gebaut haben, berichtet die Washington Post. "Niemand hat irgendwelche Geständnisse gemacht", sagt Polizeisprecher Saleh Saaf in Jakarta, "alles nur Gerüchte".

Wie tief der Anschlag mit seinen mehr als 180 Toten Bali und seine Bewohner getroffen hat, wird erst im Lauf der Tage klarer. Im "Hardrock-Hotel" von Kuta, diesem absurden Platz, wo die australischen Familien den täglichen Bericht ihres Konsuls über die Identifizierung der Leichen entgegennehmen, und draußen, auf einer der Terrassen, vier Beatles-Statuen mit ausgebreiteten Armen die Sonne über dem Meer feiern, treten am Nachmittag die Dorfführer an, in Anzughosen und mit dem Udeng, dem Tuch, das sich die Männer hier um den Kopf binden.

"Niemand kann Sicherheit garantieren", sagt Made Wendra, Kutas Chef, ein groß gewachsener Mann mit dichtem Schnurrbart. "Wir können nur unser tiefes Bedauern über das ausdrücken, was hier geschehen ist." Und dann beginnt er zu weinen, laut und langgezogen, bis irgendjemand das Mikrofon abdreht. (DERSTANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

Markus Bernath aus Kuta
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    Einheimische und Urlauber vereint im Kampf mit einer Normalität, die nicht normal ist

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