Bush legt mit Sharon Spielregeln fest

16. Oktober 2002, 19:14
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Siedler leisten Widerstand gegen Räumung von "illegalen" Vorposten im Westjordanland

Außer dem Irak und den Palästinensern ist auch das Wasani-Wasser ein Konfliktthema, für das George Bush gestern Abend in Washington mit Ariel Sharon die Spielregeln festlegen musste - sprich, der US-Präsident wollte Israels Premier im höheren Interesse des globalen "Kriegs gegen den Terror" zum Stillhalten überreden oder zwingen. Monatelang waren Rohre heran-gekarrt und verlegt worden, die Wasser aus dem Flüsschen an der Südspitze des Libanon an 25 Dörfer verteilen sollen, gestern ließen die Libanesen es sich nicht nehmen, die Pumpstation mit einer Zeremonie in Anwesenheit der Staatsspitzen einzuweihen. In anderen Zeiten hätten die Israelis wohl ernsthaft erwogen, schon die Bauarbeiten militärisch zu unterbinden, doch jetzt beobachten sie bloß zähneknirschend, was sich gleich jenseits der Grenze tut.

Der Wasani speist indirekt den Jordan, der in den See Genezareth mündet, ein für Israel lebenswichtiges Reservoir. Zwar macht der Gesamtdurchfluss des Wasani nur rund ein Prozent des israelischen Verbrauchs aus, und die rund zehn Millionen Kubikmeter jährlich, die die Libanesen in der ersten Phase abzweigen wollen, sind vernachlässigbar. Doch die Israelis fühlen sich provoziert und werfen dem Libanon vor, plötzlich völkerrechtswidrig seit Jahrzehnten bestehende Abmachungen zu verletzen.

Die USA versuchen, diskret einen Kompromiss zu vermitteln, wonach der Libanon sich etwa verpflichten könnte, dem Wasani bloß Trinkwasser, aber kein Wasser für Industrie und Landwirtschaft zu entnehmen.

In Israel gibt es indes Aufregung um die Räumung von "illegalen" Vorposten im Westjordanland, schon vorige Woche waren nach und nach vermutlich deren 17 diskret entfernt worden, doch gestern wurde es turbulent, weil erstmals eine der wilden Mini-Siedlungen geräumt werden sollte, die auch bewohnt war. Hunderte Siedler versammelten sich um die Wohncontainer von "Chavat Gilad" bei Nablus, um den Abbruch zu blockieren, einige der Jüngeren attackierten Journalisten und bewarfen Autos mit Steinen.

Seit gut zehn Jahren ist es offizielle israelische Politik, dass keine neuen Siedlungen gebaut werden, bestehende Siedlungen aber erweitert werden können - ob die symbolischen winzigen "Vorposten", die von einzelnen Siedlern auf irgendwelchen öden Hügeln aus dem Boden gestampft werden, nur Erweiterungen oder doch Neugründungen darstellen, ist umstritten, auf jeden Fall sind die meisten von ihnen - inzwischen Dutzende - auch aus israelischer Sicht "illegal", weil nicht behördlich genehmigt. Über die letzten Jahre haben die verschiedenen israelischen Regierungen fast immer weggeschaut, jetzt ist Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer, unter dem Druck des linken Flügels seiner Arbeiterpartei, aktiv geworden und hat eine Liste von 30 "Vorposten" aufgestellt, die evakuiert werden sollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv
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