"Oscar Verleihung für Arme"

17. Oktober 2002, 16:07
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Andrea Breth und Elisabeth Orth legen Mitgliedschaft bei Nestroy-Akademie zurück - Sponsor-Kritk an Heller durch 'Erste Bank'-Chef Treichl

Wien - Kein Ende der Erregungen um die "Nestroy-Preis"-Gala vom vergangenen Samstag. Nachdem zuletzt um die Laudatio Andre Hellers auf den "Lebenswerk"-Preisträger Claus Peymann ein heftiger Streit entbrannte, hat sich in der Tageszeitung "Kurier" am Mittwoch der Generaldirektor des "Nestroy"-Sponsors Erste Bank, Andreas Treichl, zu Wort gemeldet. Es schmerze ihn sehr, "dass ich live miterleben musste, wie jemand hinter dem Logo der Erste-Bank eine Parteitagsrede hielt, noch dazu auf einem so erschreckend niedrigen Niveau."

Unterdessen haben die Regisseurin Andrea Breth und die Schauspielerin Elisabeth Orth "aus kulturpolitischen Gründen" ihre Mitgliedschaft in der "Nestroy"-Akademie zurückgelegt.

"Oscar Verleihung für Arme"

"Nun versitzt man als Mitglied während dieser 'Nestroy-Gala' im TV-Licht des ORF eine enorme Sendezeit, in der man schon einen ungestrichenen Moliére oder Feydeau hätte übertragen können und muß sich auch noch neben allen anderen Trostlosigkeiten, die vom ORF in ähnlich unprofessioneller Trostlosigkeit hergestellte Abbilderung der eigenen Bühnenarbeit, anschauen", heißt es in einem Brief von Breth und Orth an die Preis-Jury, "Bild- und Tonqualität so erbärmlich, daß man den Rechtsanwalt beiziehen möchte, um sich vor solch einer Berufsschädigung zu schützen. Und das soll Werbung für das Theater sein, wie die Erfinder dieser Veranstaltung immer betonen?"

Die beiden kritisieren die Preisverleihung als "Oscar Verleihung für Arme" und fragen: "Wieviele Theateraufführungen zeichnet der ORF denn überhaupt noch auf?" - "Jetzt hat man aber den unangenehmen Eindruck, daß der ORF der irrigen Meinung ist, er hätte mit der Übertragung dieser kostenlosen Veranstaltung schon seine Pflicht erfüllt." Breth und Orth möchten sich "nicht weiter korrumpieren lassen und an einer womöglich weiterhin stattfindenden 'Nestroy-Gala' aus kulturpolitischen Gründen nicht mehr teilnehmen: wir geben hiermit offiziell unseren Austritt aus der 'Nestroy-Akademie' bekannt. Wir verstehen unseren Austritt als einen humanen Akt, um Sie vor weiteren gut gemeinten Peinlichkeiten zu bewahren."

Treichl vs. Heller

Andreas Treichl indes zeigte sich im "Kurier" überzeugt, "dass Herr Heller beim Konzipieren seiner Rede nicht darüber nachgedacht hat, wie respektlos er sich gegenüber dem Unternehmen, das ich vertrete, verhalten hat, weil diese Dimension in seiner Welt nicht vorkommt." Ein Sponsor dürfe, könne und solle nicht zensurieren, andererseits dürfe sein Unternehmen "nicht ein Ereignis unterstützen, bei dem so frivol Parteipolitik betrieben wird."

Heller seinerseits repliziert: "Die Erste Bank hat vielleicht den 'Nestroy' gesponsert, aber mit Sicherheit nicht meine Meinung gekauft."

In einem Interview mit der Info-Illustrierten "News" kritisiert Heller Ministerin Elisabeth Gehrer, die auf einer Pressekonferenz von einem "Missbrauch einer Kulturveranstaltung für parteipolitische Werbung" gesprochen hatte: "Die Frau Gehrer ist derzeit in unserem Land für Bildung zuständig. Da kann sie hoffentlich nicht tatsächlich glauben, dass bei einer Theaterveranstaltung politische Äußerungen in literarischer Form nichts verloren hätten."

"Offenbar Vorzensur"

"Der ORF sagt, man werde Vorkehrungen treffen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt", so Heller weiter, "Das bedeutet offenbar Vorzensur." Während er selbst "zu autonom und und international verankert" sei, um künftig Schwierigkeiten zu befürchten, mache er sich um Andrea Eckert (die als Moderatorin ein politisches Schluss-Statement abgab) Sorgen: "Sie wird das Ganze womöglich in manchen Kritiken für ihre nächste Premiere zu spüren bekommen, und Aufträge vom ORF kann sie wahrscheinlich vergessen." (APA)

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