Gehrer: Studenten haben Studiengebühren akzeptiert

16. Oktober 2002, 14:55
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SPÖ: Betrug an StudentInnen - ÖH: "Beschönigungen eines Trümmerhaufens"

Wien - Den Anteil der Professorinnen an den Universitäten sowie die Akademikerquote möchte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) verdoppeln. Außerdem wolle man den Studenten garantieren, durch die Bereitstellung von genügend Lehrveranstaltungen ihre Ausbildung in der Mindeststudienzeit auch abschließen zu können. Die Einführung der Studiengebühren sei mittlerweile von den Studenten akzeptiert, glaubt Gehrer. Dies zeige auch die Zahl der Erstinskribenten, die zwei Wochen vor Schluss der Inskriptionsschalter schon beinahe den Vorjahreswert erreicht habe, so Gehrer bei einer Pressekonferenz über die bildungspolitischen Vorhaben der ÖVP am Mittwoch.

Bisher haben sich nach Angaben der Ministerin im Wintersemester 2002/03 rund 24.300 Studenten erstmals für ein Studium an einer der 18 österreichischen Universitäten angemeldet. Das sind rund 100 weniger als im Gesamt-Inskriptionszeitraum des Vorjahres. Die Inskriptionsfrist endet an den meisten Unis Ende Oktober, anschließend gibt es eine einheitliche Nachfrist bis Ende November. Insgesamt rechnet Gehrer mit 25.000 Studienanfängern in diesem Wintersemester.

Problem des Ansturms konnte gelöst werden

Die Probleme einiger Hochschulen auf Grund des Ansturms der Erstsemestrigen könnten universitätsintern gelöst werden, meinte Gehrer. Da die Gesamtstudentenzahl gleich bleibe, müssten die entsprechenden Ressourcen eben für die Erstsemestrigen verwendet werden. Sie finde es auch nicht so negativ, wie die Wirtschaftsuniversität eine Massenvorlesung in einem Kino zu veranstalten. An die Studenten appellierte sie, Disziplin zu üben und sich nicht für Prüfungen anzumelden und dann nicht hinzugehen. Bei der Belegung der Plätze in Lehrveranstaltungen solle künftig nicht der Anmelde-Zeitpunkt, sondern der Studienfortschritt entscheidend sein.

Die Verdoppelung der Akademikerquote von zehn auf 20 Prozent will Gehrer mit der für 2007 geplanten Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen erreichen. Der Anteil der Frauen an den Uni-Professoren soll von sieben auf 14 Prozent steigen.

Eine Absage gab es von Gehrer für die Einrichtung einer gemeinsamen Mittelstufe für die Zehn- bis 14-Jährigen. Sie setze weiter auf ein differenziertes Schulsystem mit hundertprozentiger Durchlässigkeit. Auch das duale System bei der Lehrlingsausbildung will die Bildungsministerin erhalten - wie bisher sollen auch in Zukunft rund 40 Prozent eines Altersjahrgangs eine Lehre beginnen.

Regierunsziel

Am Regierungsziel, die Forschungsquote bis 2005 auf 2,5 Prozent anzuheben, hält Gehrer fest. Durch entsprechende Anreize soll der Anteil der Wirtschaft an den Forschungsausgaben gesteigert werden. Während in Österreich der Staat rund 58 Prozent der Forschungsaufwendungen aufbringe und die Wirtschaft 42 Prozent, sei dieses Verhältnis in den meisten Industriestaaten umgekehrt.

SPÖ kritisiert "Betrug an Studenten"

Als "Betrug an den Studenten" kritisiert SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl die Ankündigung von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V), den Studierenden einen Abschluss in Mindestzeit garantieren zu wollen. Die Ministerin habe dafür kein Konzept auf den Tisch gelegt. Den Studenten werde "vorgegaukelt", mit der Bezahlung der Studiengebühren "einen Fahrschein für einen akademischen Titel in vier Jahren erstehen" zu können, so Kuntzl am Mittwoch in einer Aussendung.

Als "gefährliche Drohung für die Universitäten" bezeichnete SPÖ-Wissenschaftssprecher Erwin Niederwieser die Ankündigung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V), mit Gehrer als Bildungsministerin noch sieben weitere gute Jahre verbringen zu wollen. Die "Jubelschreie an den Unis" über das neue Universitätsgesetz (UG) seien "nach ersten Beobachtungen völlig ausgeblieben", so Niederwieser in einer Aussendung. Wenn Gehrer glaube, dass die Uni-Reform so viele Befürworter habe, solle sie auch den Mut haben, eine demokratische Wahlordnung für die Gründungskonvente zu erarbeiten. Die von Gehrer erlassene Verordnung sei auf Grund des Verzichts auf ein Quorum ein "demokratiepolitischer" Skandal - der Rektor könne in letzter Konsequenz mit nur einer Stimme gewählt werden.

Scharfe Kritik von ÖH

Kritik an den "Gehrerschen Beschönigungen eines Trümmerhaufens" kommt auch von der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Außer "undifferenzierter Lobhudelei für die bildungspolitischen Pseudo-Reformen" habe Gehrer nur "überheblich präsentierte, naiv anmutende Lösungsvorschläge für die Probleme an den Universitäten" geboten, hieß es in einer Aussendung. Die "chronische Unterfinanzierung" der Unis breche derzeit wie ein Geschwür auf - "statt schöner Worte für die Medien wären endlich Taten angesagt, denn an solchen wird Gehrer gemessen". Dass die Studenten die Einhebung der Studiengebühren akzeptiert hätten, will die stellvertretende ÖH-Chefin Anita Weinberger (Grüne und Alternative StudentInnen/GRAS) nicht glauben: "Auf welchen Umfragen und Studien gründet die angebliche 'Akzeptanz' der unsozialen Studisteuer?" In der täglichen Arbeit bekämen die Studentenvertreter das Gegenteil zu hören.

Der Österreichische Cartellverband (ÖCV) sieht hinter der ÖH-Kritik dagegen eine "parteipolitisch motivierte Verzögerungstaktik". Die linke ÖH-Führung missbrauche die Unis als parteipolitische Spielwiese, was sich auch an der Nationalrats-Kandidatur von ÖH-Chefin Andrea Mautz (Verband Sozialistischer StudentInnen/VSStÖ) für die SPÖ zeige. (APA)

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