"Es mangelt an IT-Fachkräften"

17. Oktober 2002, 12:15
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Microsoft-Consultant Tom DeMarco über die Krise der Branche, Chancen und Risken

Bei der, von Microsoft Österreich veranstalteten "Austria .NET Conference", trat der bekannte Autor und IT-Consultant Tom De Marco von der Atlantic Systems Guild als Keynote-Sprecher auf. In seinem Einleitungsreferat sprach De Marco über die derzeitige Situation der IT-Branche, den Mangel an Fachkräften, Chancen und Risiken für Unternehmen und über das "qualitativ hochwertigste Software-Produkt".

"Die neue Realität der Software-Industrie"

Die IT-Branche und die gesamte Software-Industrie sehen sich, laut De Marco, mit einer neuen Realität konfrontiert. Nach einem, in der Wirtschaftsgeschichte einmaligen, Boom in den vergangenen Jahren, hat die Branche mit sinken Gewinnen und Umsätzen zu kämpfen. Als Antwort haben die meisten Unternehmen drastische Stellenkürzungen durchgeführt, dies wiederum bedeuten für die verbliebenen Mitarbeiter wesentlich mehr Stress und Druck - für Tom De Marco ein extrem negativer Effekt für die gesamte Branche sowie deren Produkte.

"Unternehmen haben falsch investiert"

Nachdem sowohl Amerika als auch Europa in den achtziger Jahren neidvoll auf die "nicht zu stoppende Kraft" Japan geblickt haben und sich anschickten die wirtschaftlichen Tugenden - Geschwindigkeit, Qualität und harte Arbeit - um jeden Preis übertreffen zu wollen, stehen die Unternehmen heute vor den Trümmern ihrer falschen Politik. "Die Unternehmen haben jahrelang falsch investiert", so Tom De Marco bei der .NET-Conference. "Statt sich auf jene Projekte zu konzentrieren, die wirklich wichtig gewesen wären und einen echten Wert darstellen würden, statt in die Mitarbeiter und in den eigenen Betrieb zu investieren, haben IT-Unternehmen ihr Management aufgebläht und ihre Effizienz durch verstärkten Druck auf die Angestellten zu steigern gesucht".

"Business is not the same as Busy-ness"

Prozesse wurden optimiert und bewirkten so, laut De Marco, zwar zunächst Kosteneinsparungen doch führte der meist folgende Abbau von Personal zu einem Teufelskreis, der viele Unternehmen in den Ruin getrieben hat. In den Krisen-Zeiten der vergangenen Monate haben viele Firmen versucht mit weniger Personal mehrere Projekte durchzuziehen. Dadurch sei es zu einem enorm hohen Stresspotential unter den Mitarbeitern gekommen. Allerdings so De Marco haben die Manager den Spruch "Business is not the same as Busy-ness" vergessen. Laut seiner Meinung muss es wesentlich mehr "Slacks" für die Mitarbeiter geben um tatsächlich schnell und effektiv arbeiten zu können.

Die Sache mit den "Slacks"

"Slacks" (=Spielräume) sollen Mitarbeitern die Möglichkeit geben sich selbst zu entfalten und ihre Vorstellungen in die Arbeit mit einfließen zu lassen - vor allem in der Software-Branche stellt dies für De Marco einen wichtigen Faktor für Erfolg dar. "Als ich in meiner Anfangszeit bei den Bell Laboratories programmierte, da kam eines Tages mein Chef ins Büro und sah meinen Kollegen mit den Beinen auf dem Tisch an die Decke des Raumes starren. Verdutzt fragte er daraufhin, was er gerade täte und warum er nicht arbeiten würde. Daraufhin entgegnete dieser, dass er nachdenken würde. Die Antwort war kurz und banal, doch spiegelt sich das Verständnis der Branche wieder - "Können Sie denn das nicht zuhause in ihrer Freizeit tun?", so De Marco. Im derzeitigen Verständnis bedeutet "Zeit zum Nachdenken und Kreativ sein" zu haben, dass man überflüssig zu sein scheint und somit um seinen Job fürchten muss. "Ein gesundes Unternehmen muss es sich jedoch leisten können, dass die Mitarbeiter nicht andauernd unter Stress stehen müssten.“

"Es mangelt an IT-Fachkräften"

Die Zahl der aufgrund der Krise am Arbeitsmarkt vorhandenen arbeitlosen IT-Fachkräfte decke nur etwa zehn Prozent des tatsächlichen Bedarfs bei einem Aufschwung ab. Unternehmen müssten schon jetzt beginnen aus dem Pool der Arbeitslosen ihre künftigen Mitarbeiter zu lukrieren. Wer jetzt keine Arbeitskräfte holt, wird auf der Strecke bleiben, ist sich De Marco sicher. Ein Unternehmen, dass in Krisenzeiten in Arbeitskräfte investiert, kann sich auf lange Sicht auf diese verlassen und muss auch nicht fürchten, diese bei einem Aufschwung an andere Unternehmen zu verlieren. „Der Baby Boom ist vorbei, Frauen steigen nicht mehr so stark in die IT-Branche ein und das Durchschnittsalter der Fachkräfte steigt rapide an. Ich möchte hier auf ein Zitat von Bruce Taylor hinweisen der sagte: "Wir werden in den nächsten Jahrzehnten nie mehr über genug qualifiziertes IT-Personal verfügen."

Die neue Qualität

Qualität von Software lässt sich laut De Marco nicht anhand von "fehlerfrei oder nicht fehlerfrei definieren", sondern daran wie stark ein Produkt "die Welt verändert". Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich mehrere Software-Produkte als qualitativ hochwertig einordnen.

"Das qualitativ hochwertigste Produkt"

"Ich möchte Ihnen unter diesem Gesichtspunkt auch die aus meiner Sicht qualitativ hochwertigste Software nennen", so De Marco in seiner Rede. "Ich denke, dass der Photoshop von Adobe die Welt mehr verändert hat, als andere Software-Produkte. Früher reichte ein Foto als Beweis, etwa eines Seitensprungs, aus - heute gilt das genau wegen dieser Software nicht mehr. Fotografie an sich wird nicht mehr das sein, was es einmal war. Aber auch andere Produkte haben beziehungsweise werden die Welt verändern und beeinflussen, so etwa Microsofts .NET-Initative, aber auch Java hat diese Eigenschaft. Nicht zu vergessen der Internet Explorer, den einige Entwickler auch gerne als "Exploder" bezeichnen, hat maßgebliche Auswirkungen auf die Welt und kann somit als qualitativ hochwertige Software bezeichnet werden", so der Autor und Consultant.

Seit den Anfängen in der Branche

In einem Interview mit dem WebStandard lüftete Tom De Marco im Anschluss an seine Rede noch einige Geheimnisse und Episoden aus seinem Privatleben. So begann seine Karriere in der IT-Branche schon im Jahr 1961. Damals rief in sein Vater an und meinte er solle in die Software-Industrie gehen, da er gerade im Fortune Magazine einen Artikel gelesen hätte, der über den künftigen Computereinsatz bei amerikanischen Versicherungsgesellschaften handelte. Zwar folgte De Marco nicht direkt dem Rat seines Vaters und begann zunächst in der Hardware-Abteilung der Bell Laberatories. Doch da die Hardware-Entwicklung schneller als das Software-Development voran kam, wurde De Marco in diese Abteilung versetzt und blieb der Branche damit glücklicherweise erhalten.

"Österreich muss seine Chancen nutzen"

Auch für österreichische IT-Unternehmen hat De Marco einige Verbesserungsvorschläge parat. So sollen auch heimische Firmen den Mut zu Investitionen in Krisenzeiten haben, nur so kann der - seiner Meinung nach sehr bald - kommende Aufschwung bestmöglich genutzt werden. Auch sollten Unternehmen verstärkt Kontakte in die Nachbarländer suchen und nutzen. IT-Unternehmen und Entwickler aus Slowenien, Tschechien und Ungarn könnten der österreichischen Branche helfen den Fachkräftemangel zu verkraften und positive Impulse setzen. "Österreich muss seine Chancen nützen. Aufgrund der Qualifikationen der Entwickler in den Nachbarstaaten und der räumlichen Nähe ergeben sich sehr gute Möglichkeiten für eine gemeinsame Arbeit. Wer diese Chancen auslässt, wird am Ende durch die Finger schauen.

“IT-Ausgaben müssen verdoppelt werden“

Unternehmen dürfen ihre IT-Ausgaben nicht kürzen, sondern sollten diese verdoppeln. Das Ziel einer Firma muss lauten in menschliches Kapital zu investieren. Vielleicht bringen neue Arbeitnehmer zunächst keinen Gewinn, sondern bedeuten nur Ausbildungskosten, aber 2005 werden sie dafür unbezahlbar sein“, so De Marcos Ratschläge für die heimische Branche. Auch junge Menschen sollen nicht aufgrund der derzeitigen schwierigen Situation von einer fundierten IT-Ausbildung Abstand nehmen. "Gut ausgebildete Fachkräfte werden in den kommenden Jahren dringender benötigt als in der Vergangenheit", so Tom De Marco.

Zur Person

Seine Karriere startete Tom De Marco bei den "Bell Telephone Laboratories", wo er am nun mehr legendären ESS-1-Project mitarbeitete. Später managte er Real-Time-Projekte für La CEGOS Informatique in Frankreich, und war verantwortlich für Online-Banking-Systeme in Schweden, Holland, Frankreich und Finnland. Mittlerweile ist De Marco als selbständiger Berater und Lektor weltweit bekannt.

Der "Nebenberuf"

Tom De Marco hat einen BSEE-Degree der Cornell University, ein M.S. der Columbia University und ein Diplom der Sorbonne-Universität von Paris. Er ist Mitglied der ACM und F"ellow of the IEEE".

Neben seinen Consulting-Aktivitäten ist De Marco auch schriftstellerisch tätig und hat mittlerweile schon neun Bücher veröffentlicht, darunter die Sachbücher "Slack, Getting Past Burnout, Busywork, and the Myth of Total Efficiency", "The Deadline: A Novel About Project Management", "Why does Software cost so much. And Other Puzzles of the Information Age" sowie die Romane "Dark Harbor House" und "Lieutenant America and Miss Apple Pie".

Sein neuestes Buch mit dem Titel "Waltzing with Bears - Managing risk on Software-Projects" erscheint im Jänner 2003. De Marco lebt derzeit in Camden, Maine.(gk)

  • Artikelbild
    foto: microsoft
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