Medikament für schwer Behandelbare ist da

18. Oktober 2002, 20:49
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Neues T-20 kommt in wenigen Wochen auch auf den österreichischen Markt

Wien - Das bedeutet neue Hoffnung für Aids-Kranke, bei denen Komponenten der bisherigen Kombinations-Therapie gegen die HI-Viren nicht mehr wirken: In wenigen Wochen soll auch in Österreich der "Fusionshemmer" Enfuvirtid (T-20) an Kliniken zur Verfügung stehen. Das Mittel ist noch nicht offiziell zugelassen, Zugang dazu wird es im Rahmen eines speziellen Programms geben, bestätigte Prim. Dr. Norbert Vetter vom Otto-Wagner-Spital in Wien am Mittwoch der APA.

"Wir werden damit Anfang November in die Ethik-Kommission gehen. Ende November könnten die ersten Patienten behandelt werden. Man erwartet sich durch den völlig neuen Wirkmechanismus von T-20 eine Möglichkeit zur Behandlung von Patienten, bei denen die Aids-Erreger therapieresistent sind und das auch eine klinische Bedeutung hat", erklärte Vetter.

"Fusionshemmer"

Bei T-20 handelt es sich um den ersten "Fusionshemmer". Das bedeutet, dass das Wirkstoffmolekül die Verschmelzung der HI-Viren mit Zellen, in welche sie eindringen könnten, blockiert. Die ersten Aids-Medikamente waren Reverse Transkriptase-Hemmer, welche das Umschreiben des HI-Erbguts von einer RNA in eine DNA nach dem Eindringen in Zellen verhindern. Seit Mitte der neunziger Jahre hat die Kombinationstherapie unter zusätzlicher Verwendung der so genannten Protease-Hemmer, welche das Virus-Enzym HI-Protease blockieren, die Behandlung von Aids revolutioniert. In den Staaten, in denen diese Therapien breit zur Verfügung stehen - so auch in Österreich - ging die Todesrate bei den Aids-Patienten drastisch zurück.

Doch die HI-Viren entwickeln gegen die bisherigen Strategien zunehmend Resistenzen. Deshalb wünschen sich die Ärzte eine möglichst breite Palette von Medikamenten, die an verschiedenen Stadien der Aids-Virus-Vermehrung ansetzen. T-20 ist das erste Medikament mit einem dritten Wirkungsmechanismus gegen HIV. Unter manchen Gruppen von Aids-Kranken in den USA und in Europa stieg der Anteil der Patienten mit resistenten Krankheitserregern stark an. Der Wiener Spezialist: "Bei uns ist dieser Anteil geringer als in den USA, wo in manchen 'Settings' schon mehr als die Hälfte der Aids-Erreger resistent sind. Auch die Auswirkungen sind weniger dramatisch. Das liegt aber auch daran, dass in Österreich die Versorgung so gut ist, dass jeder Aids-Kranke die wirksame Therapie erhält."

HAART-Kombinationstherapie

Da es sich bei der HIV-Krankheit um eine chronische Infektion handelt, sollte die Virusvermehrung bei den Positiven durch die HAART-Kombinationstherapie (Highly Active Antiretroviral Therapy) möglichst reduziert werden. Je mehr Replikationszyklen die Aids-Erreger nämlich unter Einwirkung der Medikamente durchlaufen, desto eher entstehen durch den Selektionsdruck unempfindliche "Mutanten".

T-20 entstammt einem Entwicklungsprogramm des US-Unternehmens Trimeris, dessen Chef der legendäre US-HIV-Forscher Dani Bolognesi ist. Das Medikament wurde gemeinsam mit dem Schweizer Pharmakonzern Roche entwickelt. In den USA wurde es zur Zulassung eingereicht. Auch in Europa wird daran gearbeitet. Vetter: "Doch bis die Zulassung vorliegt, sollen schon diejenigen Patienten das Medikament bekommen können, die es dringend benötigen."

In Österreich sind bisher 2.188 Menschen an Aids erkrankt. 1.307 dieser Patienten sind bis zum Stichtag 1. Oktober 2002 gestorben. Wie gut die derzeit schon vorhandene Therapie wirkt, belegen folgende Zahlen: Vor Einführung der modernen Kombinationstherapie gegen HIV starben im zweiten Halbjahr 1993 in Österreich 100 Menschen an Aids. Das war die höchste Zahl in sechs Monaten. Von Jänner bis Juni 2002 waren zwei Todesopfer zu beklagen. (APA)

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