Constable in Freud'scher Auswahl

16. Oktober 2002, 11:44
posten

Pariser Grand Palais zeigt einen "im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich affektiven Maler"

Paris feiert Constable - die Auswahl besorgte der Maler Lucian Ausstellung im Grand Palais

Paris - Ein neuer Weg im Pariser Grand Palais: Die Auswahl für eine Ausstellung mit Werken des englischen Malers John Constable (1776-1837) wurde von einem der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler getroffen, von Lucian Freud, dem Enkel Sigmund Freuds. Unter dem Titel "Constable. Le choix de Lucian Freud" zeigt das Museum derzeit mehr als 200 Meisterwerke des Landschaftsmalers, der starken Einfluss auf die Malerei des 19. Jahrhunderts hatte, vor allem auf die Künstler der Romantik und die Schule von Barbizon.

"Unglaublich affektiv"

"Constable ist im wahrsten Sinne des Wortes ein unglaublich affektiver Maler", sagte der 1922 in Berlin geborene Lucian Freud zu seiner Auswahl. Der Enkel des Begründers der Psychoanalyse lernte das Werk des Künstlers 1939 richtig kennen, als er sich in die Akademie der schönen Künste in Dedham an der Stour einschrieb, jene Gegend, aus der Constable kam. Seitdem ist er von dessen Malstil, der mit den klassischen Regeln Poussins und Claude Lorrains brach, begeistert. "Constable hat sich vor allem mit seinen wunderschönen Landschaftsbildern einen Namen gemacht, doch seine Porträts sind nicht weniger interessant", meint Freud. So sind neben Ansichten von Schleusen, Mühlen und Getreidefeldern auch Bildnisse zu sehen, darunter das seiner Frau Maria.

Es handelt sich um die erste Retrospektive, die dem englischen Maler in Frankreich gewidmet wird. Delacroix hatte ihn einst den "Vater unserer Landschaftsschule" genannt. Obwohl Constable Mitglied der Royal Academy war, war sein Ruhm in England zu seinen Lebzeiten weniger groß als in Frankreich. Als der Engländer erstmals 1824 in Paris seine Ölgemälde zeigte, darunter das Werk "Der Heuwagen", für das er von König Karl X. eine Goldmedaille erhielt, brach Frankreichs Kunstwelt in Jubel aus.

Standhals "wunderschöne Landschaften"

Theodore Rousseau und Jules Dupre, die späteren Mitbegründer der Schule von Barbizon, bewunderten vor allem Constables frische Farben und seine großzügige Malweise. "Die Engländer haben uns dieses Jahr wunderschöne Landschaften, die von Monsieur Constable, geschickt. Ich weiß nicht, ob wir ihnen jemanden entgegensetzen können", schrieb der Romancier Stendhal damals.

Constable war der Sohn eines Müllers und liebte die Natur. Sein Stil ist von spontaner Unmittelbarkeit, frischer Farbigkeit und einem atmosphärischen Licht, das an Turner erinnert. Auf seinen Gemälden und Zeichnungen gibt es kaum Personen, seine Sujets sind das Meer, Bäume, der Himmel und das elterliche Gehöft. Der lebendige Pinselstrich, das Ignorieren der Details, die Einfachheit und Alltäglichkeit seiner Themen begeisterten Frankreich und schockierten England.

Die bis zum 13. Jänner gezeigte Ausstellung präsentiert einen Künstler, der bereits 60 Jahre vor den Impressionisten den Wandel der Jahreszeiten mit seiner ungewöhnlichen Unmittelbarkeit und seinem freien Pinselstrich einzufangen wusste. Nach Ansicht des Ausstellungsleiter William Feaver, der zusammen mit Freud vor mehr als fünf Jahren mit den Vorbereitungen zu der chronologisch aufgebauten Schau begann, war Constable "impressionistischer als die Impressionisten". (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Constable:
    Dedham Abbey
    (1820er; Ausschnitt)

Share if you care.