Pensionen: "Werden über 67 Jahre reden müssen"

16. Oktober 2002, 13:09
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Für Sozialexperten Marin sind 65 Jahre beim gesetzlichen Pensionsalter die "Untergrenze"

Blumau - Das derzeitige gesetzliche Pensionsalter von 65 Jahren (für Männer) ist für den Sozialexperten Bernd Marin die "Untergrenze". In der benachbarten Schweiz werde eine Anhebung auf 67 Jahre überlegt. Und "auch wir werden über 67 Jahre nachdenken und reden müssen", sagte Marin am Dienstagabend bei einer Alterungs-Enquete der UNIQA-Versicherung in Blumau.

Marin rät allerdings, bei der notwendigen Anhebung des Antrittsalters schrittweise vorzugehen. In einem ersten Schritt müssten beim gesetzlichen Pensionsalter die geltenden 65 Jahre "ernst genommen werden". In dem Zusammenhang müsste in einem überschaubaren Zeitraum auch das gesetzliche Frauenpensionsalter auf 65 Jahre steigen, allerdings begleitet von einem umfassenden "Gleichbehandlungsgesetz", das den Frauen selbst höhere Eigenpensionen sichere.

"Behutsam"

"Behutsam" sollte in der Folge in den nächsten drei bis vier Jahrzehnten der steigenden Lebenserwartung beim gesetzlichen Pensionsantritt Rechnung getragen werden. Denn alle zehn Jahre werde die österreichische Bevölkerung um ein bis zwei Jahre älter. Laut Marin würde es schon reichen, gut die Hälfte dieser demografischen Entwicklung über eine Anhebung des Pensionsalters auszugleichen, also zunächst auf 66,5 Jahre zu gehen. "In 35 Jahren sind 1,5 Jahre durchaus verkraftbar." Nach dieser Rechnung Marins könnte das gesetzliche Pensionsalter - das er selbst lieber als "Referenzalter" sähe - bei heute 30- bis 40-Jährigen dann bei 66,5 Jahren liegen, wer in 35 Jahren oder später in Pension gehe, werde vielleicht bis 67 arbeiten.

Dass heute nur drei Prozent der Österreicher tatsächlich mit 65 Jahren in Pension gingen, hält der Sozialexperte für bedenklich. Diese Relation müsste sich umkehren.

Laut Marin sollte das klassische Pensionsalter überhaupt nur mehr als Referenzalter für versicherungsmathematische Berechnungen von Zu- und Abschlägen betrachtet werden. Es müsse ein Anreizsystem geben: Deutlich höhere Abschläge bei früherem Pensionsantritt, stärkere Zuschläge bei längeren Verbleib im Erwerbsleben. Damit wäre der Weg frei für ein von ihm favorisiertes, generell flexibleres System nach skandinavischem Muster, in Schweden etwa sei eine solche freie Wahl zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr gegeben. "Es gibt eine Erwerbsfreiheit auch im Alter", betont Marin. Er halte es für "legitim, eine Präferenz auf Freizeit zu haben, aber das sollen sich die Leute selbst bezahlen".

"Gleich beginnen" sollte Österreich hingegen mit der Umsetzung des einstimmigen EU-Beschlusses vom heurigen Frühjahr. In Barcelona sei einstimmig beschlossen worden, dass bis 2010 das tatsächliche Pensionsalter um fünf Jahre anzuheben sei. Insofern erachtet er auch die Debatte um diese Anhebung hier zu Lande als "einigermaßen skurril".

Für eine Pensionsreform hält Marin einen großen politischen Konsens für erforderlich. Als Beispiel nannte er den von den Sozialpartnern geschafften Durchbruch bei der Abfertigung neu.

Die Anhebung des Frühpensionsalters (61,5 Jahre), wie sie zuletzt durchgeführt und jüngst auch wieder andiskutiert wurde, bewertet Marin als "Notmaßnahmen", die ihm aber unsympathisch seien. In Österreich wird im Jahr 2025 der Höhepunkt des gesellschaftlichen Alterungsprozesses erwartet, schon 2010 allerdings im Norden Europas, in Norwegen, Schweden und den Niederlanden. "Wir können von diesen Ländern lernen", so Marin. (APA)

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