Mit einer Lasur aus Sentiment

23. Oktober 2002, 09:29
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Zwei gegensätzliche wie gut vergleichbare Beziehungsgeschichten aus Südkorea: "One Fine Spring Day" und "Camel(s)"

Wer die Struktur von Südkoreas Filmlandschaft beschreiben will, kann Frankreich als Vergleich herziehen - und hinzufügen, dass in Südkorea alles noch ausgeprägter ist: Vater Staat interveniert massiv, und die mit Paragraphen geschützte Filmindustrie wird vom Publikum tatsächlich - man staune - mit hoher Inlandsnachfrage honoriert. Dies vor allem, weil es die Marktpflege erlaubt, Genres und Subgenres am Leben zu erhalten, die anderswo ausgestorben sind - was wiederum Bevölkerungsschichten ins Kino bringt, die anderswo daheimbleiben.

So existiert wahrscheinlich nur in diesen beiden Ländern noch das Subgenre des Beziehungsfilmes vor bürgerlichem Hintergrund in nennenswerterer Anzahl außerhalb des TV-Sektors. Und die Viennale bringt 2002 daraus zwei markante wie durchaus gegensätzlich wirkende südkoreanische Beispiele: Bomnaleum Kanda / One Fine Spring Day von Hur Jin-Ho schildert Erblühen und Verwelken der Beziehung einer Radioredakteurin und eines Tontechnikers, Nakta(dul) / Camel(s) von Park Ki-Yong das Schiefgehen eines außerehelichen Wochenendes zweier unauffälliger Büromenschen mittleren Alters in einem gesichtslosen Seebad.

Für dieses Subgenre ist das Erklärungsmodell eines Drei-Schichten-Films recht praktikabel. Im psychologisch-soziologischen Kern hat dabei eine zeitaktuell realistische Konstellation zu stehen. Im Fall von One Fine Spring Day ist dies ein Mechanismus einer sogenannten Lebensabschnittspartnerschaft: Aus einem längerfristigen gemeinsamen beruflichen Projekt - eine Radioserie, die ausgeklügelte Geräuschkulissen benötigt - erwächst eine private Verbindung, die mit Ende dieser Projektphase wieder dahinstirbt. Und auch für das "Dirty Weekend" von Camel(s) gilt als Prämisse das Dilemma, dass das Monogamie-Ideal universell ebenso verbreitet ist wie der Erfahrungswert, dass das reale Leben anders läuft.

Auf der zweiten, der Erzählebene, hat dem Modell zu Folge eine verdichtete Erhöhung zu folgen - oder das Gegenteil. Aus Sicht eines Angestelltenpublikums mögen die Radiomenschen aus One Fine Spring Day zwar glamourös kreative Menschen sein, durch deren Angstelltenstatus aber nicht in diffuse Freiheitssphären abgehoben. Warum der introvertiert stabile Techniker auf die anfangs fahrige Redakteurin in der gegebenen Situation bald attraktiv wirkt, bleibt so simpel nachvollziehbar wie die Kehrseite der Medaille, dass mit der Stabilität ein eventuell irgendwann kritisches Maß an Langeweile einhergeht. Die beiden Fremdgehenden aus Camel(s) hingegen, die es nicht und nicht schaffen, eine Befangenheit gegenüber der gegebenen Situation abzulegen und über Konversation und Konsum zu einem temporären "Im-Urlaub-ist-alles-erlaubt"-Ethos zu finden, mögen zwar erst arg deprimierend anzusehen sein, können aber zur beruhigenden Erkenntnis führen, dass es zumindest auf der Kinoleinwand immer noch Menschen gibt, die noch ein Stück inflexibler sind.

Die dritte Schicht schließlich wären Erzählelemente, die rein zur Übermittlung von Gefühlsinhalten dienen - wie eine letzte färbige Lasur eines Ölgemäldes. Im Fall von One Fine Spring Day ist die sehr auffällig - es sind die Arbeitsmotive: Für die Radiosendungen gilt es, quintessentielle Geräusche der Natur einzufangen, was etwa zu idyllisch glucksenden Bächen oder nur zu bestimmten Tageszeiten perfekt wogenden Wiesen führt. Quasi-Erkenntnis, mit der die Zuseher entlassen werden: Mögen Beziehungen auch vergänglich sein, die Schönheit rauschend wogender Bambuswälder ist es nicht. Ein Akt bewußter "Verhässlichung" hingegen prägt die Oberfläche von Camel(s): Ökonomische Gründe mögen zur Entscheidung geführt haben, auf Digitalvideo zu drehen. Eine andere Sache sind hingegen die starre Kadrierung und das fahle Schwarz-Weiß, das selbst den idyllischsten Badeort in ein Szenario der Trostlosigkeit transformiert hätte.

Der allseits bekannte Klassiker für dieses Subgenre wie für die Idee des Drei-Schichten-Modells sei somit aus der cineastischen Mottenkiste geholt - Claude Lelouchs Un homme et un femme / Ein Mann und eine Frau aus dem Jahr 1966. Dessen Realitätskern: In den späten sechziger Jahren schwappte über die westliche Welt eine Welle an Ehescheidungen. Die gesellschaftliche Entwicklung generierte Alleinerzieher(innen) en masse. Darauf nicht im geringsten Vorbereitete hatte sich dem Szenario der Anbahnung einer Zweitehe zu stellen. Die Erzählebene des Films ist da gnädig und läßt aus den jeweiligen Scheidungspartnern unter dramatischen Umständen Verstorbene werden. Die allseits bekannte Stimmungslasur schließlich operiert mit einem an den bürgerlich-idealistischen Geist von 1959/60 erinnernden Soundtrack, sowie den Scheibenwischern im düsteren Winteregen wie generell den Vordergrundmotiven, die als Kennzichen für "Lelouch-Touch" in den Branchenjargon eingingen. Und die Vermutung sei in den Raum gestellt, dass des Franzosen Oeuvre in Südkorea außergewöhnlich eingehend studiert wurde und wird.
(~hcl~)

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    foto: viennale
  • Bomnaleun kanda / One Fine Spring Day 19.10., 23.30 M30.10., 13.00 S
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    Bomnaleun kanda / One Fine Spring Day
    19.10., 23.30 M
    30.10., 13.00 S

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  • Nakta (dul) / Camel(s)27.10, 13.30 M29.10., 11.00 M
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    Nakta (dul) / Camel(s)
    27.10, 13.30 M
    29.10., 11.00 M

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