Suche nach der Ruhe des Blicks

27. Oktober 2002, 16:07
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Hanns Zischlers "Kafka geht ins Kino" befragt die Wahrnehmung

Dem Publikum gefällt ja oft etwas anderes als der Kritik: Franz Kafka zum Beispiel liebte den - von der zeitgenössischen Kritik als "Schund" verurteilten - Film Die weiße Sklavin, der 1911 im Prager Kino "Royal Bioskop" lief (das übrigens in der Vorstadt Zizkov stand, wie die Asbestfabrik, um die sich Kafka auch noch kümmern musste).

Der Film: junge Frau, aus der Heimat weg- und in ein Bordell hineingelockt. Hanns Zischler hat schon für sein Buch Kafka geht ins Kino (1996) die Originalfassung dieses und vieler anderer Filme, die Kafka zu sehen bekam, ausgegraben. Jetzt hat Zischler aus dem damaligen Schreiben über das Sehen von Filmen eines Schreibenden einen Film über das Schreiben über Filme eines Sehenden gemacht.

Es ist nämlich nicht so, dass für Kafka zwischen Filmbild und Wortbild eine einfache, ungebrochene Verständigung möglich wäre, im Gegenteil: Obgleich Kafka die frühen Filme interessiert und oft begeistert ansieht, irritiert ihn doch die Geschwindigkeit der Bilder. Deshalb macht auch Hanns Zischler seinen Film zu einem Nachdenken über die verschiedenen Modi der Wahrnehmung.

Viel lieber, so zeigt eine längere Passage mit Originalaufnahmen aus dem nordböhmischen Friedberg 1911, war dem Schriftsteller zunächst die langsamere Form des Kaiserpanoramas, das er dort auf seiner Versicherungs-Dienstreise besuchte: "Kaiserpanorama. Einzige Vergnügung in Friedland", notierte Franz Kafka in seinen Reisetagebüchern - und: "Die Bilder lebendiger als im Kinematographen, weil sie dem Blick die Ruhe der Wirklichkeit lassen. Der Kinematograph gibt dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung, die Ruhe des Blickes scheint wichtiger."

Solche Differenzierungen führte Hanns Zischler schon in seinem Buch vor. Deshalb wird auch sein Film keine Verklärung, keine historisierende Archivierung von Filmen, die ein Genie des Blickes und der Schrift gesehen hat - obwohl sehr viel schönes, seltenes Filmmaterial vorkommt.

Es ist also kein üblicher und schon gar kein historisierender Dokumentarfilm. Zischler versucht vielmehr, die Reflexionen Kafkas zur Wahrnehmung ins Medium Film zu übersetzen: Als Kafka und Brod auf ihrer Paris-Reise 1910 zum Beispiel mit dem Taxi durch die Stadt fuhren, da erlebten sie nicht nur dies als neue Stadtwahrnehmung, sondern, vom Taxisitz aus zu hohen Häuser blickend, auch, wie Kafka sich ausdrückte, "aus einer Kellerperspektive".

In Zischlers Film wird von Beginn an das Moment der Vermittlung und das der Perspektive betont: Die Kamera sucht aus einem durch Paris im Regen fahrenden Taxi weniger nach Orientierung, als nach dem Gleitenden von Bildern: nach ebenjenem blitzartigen Umschlagen von Deutlichkeit und Undeutlichkeit, die Kafkas Film-Wahrnehmung ausmacht. Dem gegenüber stehen die Zeichen der Schrift, ein von Kafka wie ein Seziermesser gehandhabtes Medium der Präzision, genauer als die "schnellen" Film-Bilder: Auch diese Zeichen zeigt der Film kurz, in der Oxforder Bodleian Library. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

Von
Richard Reichensperger
  • Kafka geht ins Kino22.10., 13.00 S24.10., 20.30 S
    foto: viennale

    Kafka geht ins Kino
    22.10., 13.00 S
    24.10., 20.30 S

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