Zwei Filme stehen still: Carlos Reygadas "Japón" und Gus Van Sants "Gerry"
Zunächst sieht man nur Bewegung auf Straßen. Einmal
sind zwei junge Männer - beide heißen Gerry (Matt Damon,
Casey Affleck) - durch die
zerklüfteten Landschaften des
US-Westens unterwegs,
scheinbar ohne Ziel. Im anderen Film führt der Weg aus der
Metropole Mexikos heraus,
langsam wird der Verkehr weniger - ein Mann (Alejandro
Ferretis) hat sich auf den Weg
gemacht, wohin genau, ist
auch hier nicht klar.
Carlos Reygadas Japón und
Gus van Sants Gerry haben
nicht nur einen ähnlichen Anfang. Beide Arbeiten treffen
sich auch darin, dass sie das
Verhältnis von Mensch und
Natur in den Mittelpunkt rücken, wobei Landschaften
beinahe der Status einer eigenen Figur zukommt - eines
Gegenspielers, der die existenzielle Krise seines Gegenübers reflektiert oder aber schlicht - als
Umwelt - ein ganz bestimmtes
Verhalten heraufbeschwört.
Japón wurde in Super-Cinemascope, einem selten gewordenen Trägermaterial, gedreht, und allein dieser Umstand gibt dem bedächtig fortschreitenden Film einen besonderen Rahmen durch die
weiten Panoramen. Der
Künstler, der hier in ein abgelegenes Bergdorf kommt und
humpelnd ausgedehnte Wanderungen unternimmt, wirkt
schon deshalb lebensmüde.
Tatsächlich will er seinem
Leben ein Ende setzen, aber
wie in Abbas Kiarostamis Der
Geschmack der Kirsche erfährt
dieses Vorhaben (vorerst) einen Aufschub. Held wie Film
verlieren sich im positiven
Sinn in "Nebensächlichkeiten" - einer so vorsichtigen
wie befremdlichen Beziehung
zu einer alten Frau. Detailbeobachtungen einer weniger
erbarmungslosen als faktischen Natur (kopulierende
Pferde, ein nach Luft schnappender Taubenkopf) irritieren
zusätzlich, schärfen zugleich
den Blick in einem Drama, in
dem das nackte Leben grausamer als der Tod erscheint.
Gerry hingegen gleicht anfangs noch einem Spiel: Die
zwei Burschen streunen
durch die Gegend, doch irgendwann haben sie sich
dann verlaufen. Van Sant geht
es nicht um die Dramatik eines Überlebenskampfs, die
Kamera verweigert jede subjektive Anteilnahme; vielmehr betrachtet sie die beiden
Darsteller als Körpermaterial,
das im Wettstreit mit der Natur sein Aussehen verändert.
Kontrapunktisch zu diesen
physischen Bildern stehen in
Gerry, mehr noch als in Japón,
überwältigend schöne (und
gerade dadurch rätselhafte)
Landschaftstotalen: Wolken,
die im Zeitraffer aus My Own
Private Idaho gekommen sind,
und nun über den Salzwüsten
des Death Valley kaum Schatten spenden. Van Sant ist mit
diesem Film weniger zu seinem Frühwerk zurückgekehrt,
er hat es vielmehr bis auf zwei
Personen entrümpelt und dabei die Zeit befreit. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)
Von
Dominik Kamalzadeh