Und die Lili marschiert mit

16. Oktober 2002, 17:56
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Zum Tod von Norbert Schultze, Komponist des problematischen Evergreens "Lili Marleen"

Wien - Kleine Meldungen, große Geschichten. So vermeldete die Nachrichtenagentur APA am Mittwoch lapidar: "Der Komponist Norbert Schultze, Schöpfer des Weltkrieg-II-Chansons Lili Marleen, ist am Montag im Alter von 91 Jahren an seinem Wohnsitz Bad Tölz gestorben."

Möglicherweise handelt es sich hier neben La Paloma um nichts weniger als das berühmteste Lied der Welt, das heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung in so gut wie jedem Kulturkreis bekannt ist.

Die Wirkungsgeschichte von Lili Marleen ist nicht nur eng mit dem Naziregime verstrickt, sondern auch eng mit der Propagandamaschinerie des Zweiten Weltkriegs generell. Immerhin verdankt der "wehmütige Soldatenschlager" Lili Marleen seinen die Fronten überspringenden globalen Erfolg der Tatsache, dass damals erstmals das Massenmedium Radio mit ins Feld gezogen war.

Dabei war anfangs ein derartiger Erfolg keineswegs absehbar. Der Text zu Lili Marleen stammt von Hans Leip, der den Text schon 1915 zu Papier brachte. Norbert Schultze wurde erst 1938 darauf aufmerksam und bekam schließlich die Erlaubnis, das Lied vom Soldaten, der sein Mädchen zurücklässt, mit der unbekannten Sängerin Liselotte Wilke alias Lale Andersen (1905-1972) zu vertonen.

Das deutsche Propagandaministerium damals: "Da die Wehrmacht stark im Kommen ist, hat das Kasernenlied vielleicht eine Chance, wenn man es Lied eines jungen Wachtpostens nennt." Es solle, so wurde verfügt, mit einem Zapfenstreich beginnen und mit Soldatenchor sowie "dezentem Marschrhythmus" unterlegt werden.

Obwohl Schultze alle diese Auflagen getreu erfüllte, befand Joseph Goebbels die im Lied verhandelte Sehnsucht nach zu Hause, die Trennung vom geliebten Menschen und die Angst vorm Sterben als "defätistisch" und "wehrkraftzersetzend".

Der erste Welthit

Er konnte allerdings wenig dagegen unternehmen, als sich 1941 die Lili Marleen durch Zufall über ein Wunschprogramm des deutschen Soldatensenders im zerstörten Belgrad, wo sich alte Menschen noch heute mit Schrecken an diese Melodie erinnern, bald im gesamten Europa über die Fronten hinweg zum ersten Welthit der Geschichte entwickelte.

Vor allem aber Marlene Dietrichs englische Fassung Underneath the Lantern, bald auch bei den Alliierten ein das Gemüt rührender Ohrwurm, sorgte dafür, das die Lili Marleen nach wie vor ein Evergreen der "Soldatenliteratur" ist. Der Spiegel 1981: "Wann immer nach 1945 auf der Welt ein Krieg ausbrach, in Indochina, Korea, Israel, Vietnam, stieg die Tantiemenkurve des Liedes steil nach oben; Lili marschiert mit." Bis hin zu Bosnien-Einsätzen von Lili Marleen beim deutschen Bundeswehrsender Radio Andernach aus 1997. Manche Lieder können sich ihre Biografie nicht aussuchen.

Norbert Schultze wurde übrigens nicht nur mit Lili Marleen oder Schlagern wie Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise bekannt. Zwischen '39 und '45 komponierte der später von 1973 bis 1991 auch als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes Aktive für NS-Filme wie Feuertaufe diverse "Hymnen": Vorwärts nach Osten, Panzer rollen in Afrika vor oder Bomben auf Engelland. Eine deutsche Karriere. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2002)

Von Christian Schachinger
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