"Nur ein Theaterstoff, ein Märchen ..."

15. Oktober 2002, 20:44
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Auszüge aus André Hellers Rede bei der "Nestroy"-Gala

... wollte André Heller angeblich erzählen, als er am Samstag im Rahmen der "Nestroy"-Preisverleihung Ex-Burg-Chef Claus Peymann für sein Lebenswerk würdigte und diese Laudatio in eine Wahlkampfrede umfunktionierte - und damit eine Diskussion über Politik und Ressentiments auslöste: Lesen Sie hier Auszüge aus Hellers Rede.


Nehmen wir an, und ich bitte Sie, mir zu glauben, dass ich hier nur einen Theaterstoff, ein Märchen im Sinne Nestroys entwickle -

Nehmen wir an, lieber Claus Peymann, es gäbe einen Parteiobmann, der vor den Wahlen verkündet, man solle ihn wählen, um eine rechtsextreme Dilettantentruppe zu verhindern, aber wenn er bei den Wahlen Dritter würde, verspräche er, sich nicht an der Regierung zu beteiligen, und nehmen wir an, derjenige würde dann Dritter und bräche sein Wahlkampfdoppelversprechen und würde sich durch und mit Figuren zum Kanzler erheben, die Hitlers Beschäftigungspolitik als erstklassig fänden und die österreichische Nation eine Missgeburt und die alten SS-Kameraden als die wahren Anständigen im Lande preisen und Churchill mit Stalin gleichsetzen, und die, in der Öffentlichkeit, mit Wohlwollen des Justizministers forderten, man solle die Opposition für allzu kritische Äußerungen einsperren dürfen, bespitzelt habe man sie ohnehin schon, und Privilegienabbau müsse man mit Lichtgestalten, wie Reinhart Gaugg betreiben und geistige Aufforstung mit Schmissvisagen wie Mölzer und Stadler.

Und diese Regierung, unter einem Kanzler, dessen rückgratloses Motto "Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" von seinem Kohlkopf stammt, erlitte, in unserem Märchen, nach 30 Steuererhöhungen und der höchsten Arbeitslosigkeit und der grausamen Senkung der Unfallrenten und der restlosen Ungleichstellung Ärmerer, bei der medizinischen Versorgung und beim Studium, um nur ganz wenig von dem Abscheulichen aufzulisten, selbst verschuldeten, kläglichen Schiffbruch.

Und dieser Kanzler, der Österreich die größte Beschädigung im internationalen Ansehen in der Geschichte der Zweiten Republik beschert hätte, würde also, in unserem Märchen, mit seiner Idee vom Regieren, Konkurs - oder schlimmer noch: fahrlässige Krida machen, und nun verhielte er sich in die Kameras lächelnd, als hätte dieses Debakel nicht er zu verantworten, sondern er wäre gewissermaßen die einzige Rettung vor sich selbst. Aus seinem Unsinn der Vergangenheit und Gegenwart käme der einzig achtbare Sinn für die Zukunft, und er wolle dementsprechend seinen zynischen Egotrip fortsetzen und plakatiert folgerichtig im Wahlkampf: "Schüssel - wer, wenn nicht er". Lieber Claus Peymann, liebe Zuhörer: welch ein Stoff. Sie müssten ihn inszenieren, und Franz Morak müsste den Kanzler spielen. Er hatte ja genügend Zeit, das Original unter der Lupe zu beobachten ... (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2002)

Ein 'Kommentar der anderen' von André Heller
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    André Heller

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