Von Fernseh- in Parteiapparat

15. Oktober 2002, 18:58
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Quereinsteiger vom Bildschirm stehen bei Parteien hoch im Kurs

Wien - Josef Broukal ist nicht das erste vom TV-Bildschirm bekannte Gesicht, das in die Politik wechselt. Schon seit den 70er-Jahren versuchen die Parteien, die Popularität von Quereinsteigern aus dem ORF für sich zu nützen - mit wechselndem Erfolg.

Den Anfang machte 1979 der Fernsehdirektor Helmut Zilk, der seine Sendung "Stadtgespräche" gegen die Stadtpolitik eintauschte und für die SPÖ Wiener Kulturstadtrat wurde. Nach dem Posten des Unterrichtsministers fand Zilk seinen politischen Traumjob - und polterte bis 1994 zehn Jahre lang als Wiener Bürgermeister. Seine Beliebtheit verdankte er auch der Tatsache, dass er nie ein Mann der Partei oder des Parteiapparats wurde - der einzige Apparat, der für den Medien-Bürgermeister zählte, blieb der Fernsehapparat.

Während Zilks Wechsel vom Fernsehen in die Politik langfristig und erfolgreich war, hatte ein anderer ORF-Journalist in der SPÖ weniger Glück: Der Fernsehmann Franz Kreuzer wurde 1985 von Fred Sinowatz als Umweltminister berufen. Er scheiterte am Management der Tschernobyl-Krise - und wechselte 1986 wieder in den Journalismus zurück.

Nicht so kurz, aber ähnlich wechselvoll war die Politik-karriere von zwei Fernsehfrauen, mit denen die FPÖ im Nationalratswahlkampf 1999 zu punkten versuchte. Die "Radio-Stimme" Jutta Wochesländer schaffte es ins Parlament, erhob ihre Stimme dort aber nur selten. "Willkommen-Österreich"-Moderatorin Theresia Zierler hingegen stieg bis zur steirischen Spitzenkandidatin und zur Generalsekretärin auf - und dann wieder zur einfachen Abgeordneten ab. Länger hielt es Hans-Jörg Schimanek, bekannt aus der Sendung "Argumente", bei der FPÖ. 1993 wechselte er für die FPÖ vom ORF auf einen Landesrats-Sitz in Niederösterreich - derzeit ist er Bezirksrat in Wien-Floridsdorf.

Stabiler verlief die politische Karriere einer ORF-Kollegin, die wie Broukal die "Zeit im Bild" moderierte: Ursula Stenzel zog 1996 für die ÖVP als Spitzenkandidatin in die Europa-Wahl - und ist bis heute ÖVP-Delegationsleiterin im Europäischen Parlament. Dort trifft sie auf zwei ehemalige ORF-Kollegen: Hans Kronberger, der für die FPÖ kandidierte, und Mercedes Echerer, die einst die "Kunst-Stücke" präsentierte und nun für die Grünen im EU-Parlament sitzt.

Und auch in diesem Wahlkampf könnte Broukal auf Kollegen treffen: Versucht doch Ex-"Willkommen-Österreich"-Moderator Reinhard Jesionek, das LiF wieder ins Parlament zu bringen. (eli/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2002)

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