Wenn die Wolkendecke wieder aufreißt

15. Oktober 2002, 19:14
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Immer wieder bewegende Momente: Wie Bruce Springsteen und seine E Street Band in Paris ihre Europatournee starteten

Bruce Springsteen und seine E Street Band starteten in Paris ihre Europatournee. Neben alten Hymnen wie "Born To Run" oder "Badlands" standen dabei erwartungsgemäß vor allem die zurückhaltenden Songs des 9/11-Albums "The Rising" im Mittelpunkt.


Es passiert erst bei der achten Nummer. Die Sonne geht auf. Als nach einem zurückhaltenden Sprechgesangsintro von Waitin' On A Sunny Day das Schlagzeug mit voller Wucht einsetzt, die Wolkendecke mit jubilierenden Gitarren aufgerissen und damit ein Refrain eingeläutet wird, der wegen seines unkaputtbaren Glaubens an eine strahlende Zukunft schnellstens in die amerikanische Verfassung aufgenommen werden sollte, ist Bruce Springsteen das erste Mal an diesem Abend ganz bei sich selbst: "I'm waitin', waitin' on a sunny day, gonna chase the clouds away, waitin' on a sunny day ..."

In den guten Mann von New Jersey fährt hier binnen Sekundenbruchteilen jene elektrisierende Energie ein, die ihn in den 80er-Jahren mit dem Album Born In The USA zum uneingeschränkten König der Rockmusik machte. Auf Lebenszeit.

Alles wird gut

Aufbruch aus beengten Verhältnissen, der Traum von der Weite, vom freien Leben in einem freien Land, von Gratisbenzin für alle und dem Herzensschatz auf dem Beifahrersitz. Der schmiegt sich zärtlich an einen, weil "sie" gerade "unser Lied" im Radio spielen: Wer mit überbordendem Kitsch, mit großen Gesten, mit ungeniertem Pathos und Autos, die auf hundert Kilometer mehr als 15 Liter verbrauchen, nichts anfangen kann, war bei Springsteen seit jeher falsch aufgehoben.

"The Boss", den es jetzt innerlich vor Glück schier zerreißt, wird die Gitarre hinter sich werfen, an die Rampe taumeln und sein Publikum mit ehrlichem Schweiß segnen. Alles wird gut!

Musik, so wird er später beim Auftakt seiner Europatournee ins Hallenstadion von Bercy in Paris rufen, dürfe nicht rechthaberisch sein. Aber Recht darf, nein, muss sie haben. Und was lässt sich gegen wunderbaren Kitsch sagen, der davon handelt, dass der Aufbruch in das Promised Land dort hinten am Horizont allein nur halb so schön ist: "Without you I'm a drummer, girl, that can't keep a beat, an ice cream truck on a deserted street, I hope that you're coming to stay ... I'm waitin' on a sunny day!"

Vielleicht brauchte es allein deswegen live die vorangegangenen Songs seiner molllastigen 9/11-Trauerarbeit von The Rising wie etwa You're Missing oder Lonesome Day. Sehr wahrscheinlich verpuffte aber der verzweifelt aus dem Bühnenboden gestampfte Durchhaltesong des Album-wie Eröffnungstitels The Rising in Paris deshalb auch so ganz ohne Wirkung: Das Bild, das man sich in Europa von den USA und deren Frohbotschaft des Rock 'n' Roll immer noch macht, verträgt nur wenig Reflexion. Rock 'n' Roll muss unhinterfragt so laut Ja! zum Leben schreien, dass alle Last von uns abfällt. Trotz allem Kummer: "I still believe in a promised land!"

Weiter, immer weiter: Further Up on the Road! Niemals aufgeben: No Surrender! Born To Run! Land Of Hope And Dreams! Born In The USA! Und selbst, wenn einmal alles schief geht - aus Fehlern lernen! Wachsen am Scheitern. Das Land ist schlecht, die Menschen gut - oder umgekehrt. Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal dort draußen im Unbekannten, im "Great wide open": "These badlands treated us good!"

Bruce Springsteen und seine E Street Band wollen sich nach einem kurzen, aber umso heftigeren Intermezzo mit Waitin' On a Sunny Day, einer grandiosen Fassung von Badlands und einer intensiven zehnminütigen Tour de force durch den aktuellen Song Worlds Apart vor den mit einem erlösenden Dancin' In The Dark eingeleiteten Zugaben zwar heute vor allem auch als nachdenkliche Rocker in ihren besten Jahren, in ihrer reflexiven Phase präsentieren.

Deshalb wird das Hauptaugenmerk nicht nur aus Aktualitätsgründen (Into The Fire) wohl auf langsame folk-lastige Interpretationen von The Rising gelegt, denen sich selbst ein alter Reißer wie das auf halbem Tempo gespielte Darkness On The Edge Of Town unterordnen muss. Immerhin stellen früher gespielte dreieinhalbstündige und mit ihrer Energie alles niederreißende Konzerte heutzutage wohl auch ein körperliches Problem dar. Der Mann ist gerade 53 Jahre alt geworden.

Lagerfeuer-Songs

Und auch die sich bei der E Street Band zweifellos eingeschlichen habende Routine mag dabei eine Rolle spielen. Gitarrist "Little Steven" Van Zandt und Saxofonist Clarence Clemons sind mittlerweile zu Karikaturen ihrer selbst geworden.

Wenn sich aber Bruce Springsteen gegen Ende allein ans Klavier setzt, um das autobiografische My Hometown gemeinsam mit einem endlich (mit ihm) warm gewordenen Publikum als Lagerfeuer-Hymne für die Massen anzustimmen, oder er allein mit seiner Frau, Backgroundsängerin und Gitarristin Patty Scialfa, zur Mandolinenbegleitung den todtraurigen neuen Song Empty Sky anstimmt, dann mag man über eines hinwegsehen:

Die in den USA gerade als Triumphzug beendete öffentliche Trauerarbeit der Rising-Tour mag für Europäer mit all ihrer nach 9/11 erfolgten symbolischen Überfrachtung einigermaßen irritierend wirken, weil ja auch die versuchte Erzeugung von Intimität zwangs läufig in einer Riesenhalle verpuffen muss. Sportarenen kennen eben keine Zwischentöne.

Im Zweifel aber erlebte man hier einen gereiften Künstler, der ohne Scheu vor Peinlichkeiten sichtlich darum rang, dem "Great American Songbook" zwei oder drei neue Seiten hinzuzufügen. Respekt! (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2002)

Christian Schachinger aus Paris

Ein Fernsehtipp für Donnerstag, 17.10.:
Bruce Springsteen live in Barcelona, eine Aufzeichnung des Konzerts vom Mittwoch.
Auf MTV, 21.00
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    Bruce Springsteen live in Paris , hier mit Steve van Zandt: Trotz routinierter Show immer wieder bewegende Moment

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