Diabo(h)lische Erinnerungen

16. Oktober 2002, 13:01
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Dieter Bohlen erzählt "Nichts als die Wahrheit": ein unfreiwillig gutes Buch

Es ist ein gutes Buch. Es dient dem Broterwerb. Sein Autor ist einer der wenigen Künstler, die es nicht versäumt haben, "in guten Zeiten Rücklagen zu bilden". Und nur wer genug Brot hat, kommt sensationellen Glocken nahe genug, um ernsthaft ihre Wahrhaftigkeit zu versuchen: "Als begeisterter Hobbyforscher hatte ich beim Fummeln im Auto schon mal vorsondiert. Und hatte deutliche Zweifel, dass das alles vom lieben Gott war. Als sie sich jetzt auf dem Bett räkelte, ragten ihre Dinger wie zwei stramme Eisberge in die Luft."

Dieter Bohlen hat seit Daliah Lavi ("Die erste in meinem Leben, die ich näher kennen lernte, die falsche Dinger hatte. Eine absolute Fachkraft. Eine Vollblutmusikerin") nichts gegen handfeste Einlagen, aber er verabscheut die Lüge: "Du Naddel", eröffnet er im Subkapitel Titticon Valley seiner Lebenserinnerungen Nichts als die Wahrheit, ein Dramolett über seinen Ekel vor der Unwahrheit. Und weiter: "Ich komm doch nicht von einer Expedition vom Nordpol und habe erfrorene Hände! Mensch ich spür doch da was!" / "Du, Dieter, das sind alles Verknotungen, ja, Verknotungen sind das." / "Gib's doch zu Naddel! Ist nicht so schlimm, sag einfach die Wahrheit!"

Schottergruben

So wie Dieter das immer macht. Gerade heraus wie ein Implantat. Denn nur die Wahrheit bringt Schotter: "Ich habe den Spieß einfach mal umgedreht - früher haben die Leute für Lügen über mich sehr viel Geld gekriegt, jetzt kassiere ich für die Wahrheit." Und so hat Dieter Bohlen Eckhard Henscheids und Gerhard Henschels Jahrhundert der Obszönität fast selbsttätig erweitert und fortgeschrieben.

Nur Katja Kessler, Zahnärztin, Klatschkolumnistin der Bild und Trägerin des Moet & Chandon Journalistenpreises für Lebensfreude hat ein wenig mitgeholfen.

Und was ist jetzt die Wahrheit? Lass Dich nie beirren. Schmeißt man Dich vorne raus, gehe Morgen wieder von hinten rein. Nimm alle Entbehrungen in Kauf. Erfolg ist eine launische Diva. Lerne Deine Unzufriedenheit anzunehmen. Baue niemals auf die Hilfe anderer, denn sonst bist Du abhängig.

Die Wahrheit ist: Außer Dieter Bohlen hat nie ein Mensch zuvor das alles gleichzeitig beherzigt. Das hat ihn immun gemacht. In jungen Jahren schon war er sich selbst nicht mehr peinlich. Von da an ging's natürlich bergan. Bohlen hat die einzig entscheidende Lehre aus dem 20. Jahr-hundert gezogen: Die Selbstkritik muss sich immer auf die Bilanz beziehen. Und die stimmt nur, wenn Du den Leuten gibst, was sie letztlich alle verbindet: Schwachsinn.

Musikalisch hat Bohlen das beeindruckend hinbekommen: Modern Talking. Aber literarisch ist ihm etwas passiert. Nichts als die Wahrheit ist das weitaus bessere Mein Jahrhundert. Ein Sittenbild. Ein Bildungsroman: "Ich wollte richtig auf dick machen, und ließ die Autos immer vorher waschen", erinnert sich ein Künstler an sein Liebesleben. Und in der obszönsten Passage seiner Erinnerungen denkt der König der kleinen Leute an die Familie:

"Denn der Schmerz auf eine andere Frau verzichten zu müssen, ist nichts gegen den Schmerz, seine Kinder nicht mehr um sich zu haben. Ihnen nicht mehr über die Köpfchen streicheln zu können, wenn man abends spät nach Hause kommt, und sie schon schlafen..."

"Wenn wir uns dann am Sonntagabend dem Haus ihrer Mutter näherten, wusste Marci natürlich: Jetzt kommt das Abschiednehmen. Was dann passiert, kann ich mit Worten kaum ausdrücken. Marci blieb am Tor stehen, ich gab ihm einen letzten Kuss, sagte: ,Tschüss, mein Kleiner, halt die Ohren steif!', und stieg schnell ins Auto, damit er meine Tränen nicht mitkriegte. Beim Blick in den Rückspiegel des Autos sah ich, wie er dastand, winkte und lachte.

Und ich dachte: Das sieht aber merkwürdig aus, dieses Lachen. Ich stieg wieder aus und beim Näherkommen bestätigte sich mein Gefühl: das war kein Lachen, sondern Heulen. Dieser kleine Zwerg wollte mir das Gefühl geben: ,Papa, fahr ruhig!' Dabei war ihm ganz doll nach Weinen. Ich glaube, er war damals schon stärker als ich, denn nun fing auch ich an, laut zu schluchzen."

"Eigentlich ist Erika die Göttin aller Frauen für mich, die Mutter aller Mütter. Meine Kinder sind zu hundert Prozent Erika. Dass sie so normal, so bodenständig, so toll sind, liegt an ihr."

Fortsetzung folgt!

Weil: "Ein Pokerspieler hält immer noch ein Ass im Ärmel. Gelle, Verona?" (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2002)

Von
Markus Mittringer
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    Bohlen beweist - hier umlagert von Fotografen auf der Frankfurter Buchmesse: Man kann auch unfreiwillig ein gutes Buch schreiben

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