Kolumne: Die Enttäuschten

15. Oktober 2002, 18:14
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Von Günter Traxler

Das war Gusenbauers zweiter personeller Streich. Nach dem unbestrittenen Experten Wolfgang Petritsch holte er nun mit Josef Broukal einen Publikumsliebling mit kaum noch zu übertreffendem Bekanntheitsgrad in sein Team, einen Mann, der aber nicht nur die wahltaktisch erwünschte Bekanntheit mitbringt, sondern auch Statur und technologische Kompetenz. Allmählich könnte einigen, die in den letzten Wochen vom SPÖ-Vorsitzenden immer wieder gefordert haben, endlich Persönlichkeiten seines Teams zu nennen, die Häme vergehen. Der Qualität des allmählich auf Touren kommenden Wahlkampfes wird es nicht schaden.

Und wie sieht es bei den Titelverteidigern aus? Da beginnen nun die Landeshauptleute zu revoltieren. Vordergründig schlagen Josef Pühringer und Franz Schausberger auf die Putschisten von Knittelfeld ein und geben vor, von der FPÖ jetzt aber wirklich "schwer enttäuscht" zu sein. Na, na - die Herren waren doch von Anfang an gegenüber einer schwarz-blauen Koalition skeptisch eingestellt. Als ihnen Wolfgang Schüssel damals diese Skepsis mit der Aussicht auf einen ÖVP-Bundeskanzler aus der dritten Position heraus austrieb, da war die Haider-FPÖ der jetzigen Putschistentruppe zum Verwechseln ähnlich.

Alle, auch Susanne Riess-Passer, Karl-Heinz Grasser und Peter Westenthaler machten sich damals für eine Steuerreform spätestens 2003 stark, von der sie heute nichts mehr wissen wollen. Damals waren ja nicht einmal Pühringer und Schausberger dagegen. Erst heute sind sie enttäuscht von Leuten, die noch immer dafür sind - aus dem fadenscheinigen Grund: weil versprochen.

Von der FPÖ sind sie enttäuscht? Von welcher? Von der, die in der Regierung noch immer von der Vizekanzlerin und vom Finanzminister repräsentiert wird? Vielleicht vom karinthischen Melancholicus, der wiederum schwer davon enttäuscht ist, wie "eiskalt" der Bundeskanzler Wahlen vom Zaun gebrochen hat, "und das nach allem, was ich für Schüssel gemacht habe", indem er ihm den Vortritt ins Kanzleramt überließ. Vielleicht sind sie enttäuscht vom neuen FP-Obmann, der in dieser Partei alles mögliche repräsentiert, Jörg Haider oder auch nicht, Putsch in Knittelfeld oder Urlaub auf dem Bauernhof, freundliche Handschlagsqualität oder brutalen Populismus - alles mögliche, wie gesagt, nur nicht die FPÖ.

Enttäuscht sein kann man immer. Wenn davon nur noch Riess-Passer und Grasser ausgenommen sein sollen, wird es freilich nicht viel bedeuten. Um aus Enttäuschung heraus Bedingungen zu stellen, müsste man erst einmal wissen, wem in dieser Partei man sie am Ende des Wahltages stellen könnte. Aber das einzige, was die ÖVP-Granden derzeit wissen, ist, dass sie das nicht wissen. Daher handelt es sich bei ihren Attacken auf einen Partner, von dem sie nach anfänglicher Skepsis dann doch "positiv überrascht" waren, gar nicht um Bedingungen an diesen, sondern eher um eine Warnung an den Obmann der eigenen Partei, der bereits wieder durchblicken ließ, diese Koalition unter allen Umständen fortsetzen zu wollen, wenn es sich rechnerisch nur irgendwie ausgeht.

Was von der FPÖ nach dem Wahltag stark reduziert überbleibt, werden die Putschisten von Knittelfeld sein, geschart um Jörg Haider, egal, wie intensiv der sich künftig bundespolitisch einschaltet. Wer, wenn nicht sie? Wenn die Landeshauptleute der ÖVP nun erklären, mit denen müsse Schluss sein, erklären sie auch als gescheitert, was Schüssel sich als Erfolg zu verkaufen bemüht. Die beste Wahlhilfe ist das nicht. Andererseits - in der Hoffnung auf einen ÖVP-Bundeskanzler haben diese Granden schon einmal klein beigegeben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2002)

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