Die furchtbare Stille nach den Anschlägen

15. Oktober 2002, 17:59
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Trauer und Apathie liegen wie ein Leichentuch über der einst pulsierenden Touristeninsel - Die Opfer werden von geschockten Verwandten identifiziert

"Ich hatte", sagt der junge Mann mit dem faustgroßen Verbandsstück auf dem Kopf, "einfach Glück und saß auf der richtigen Seite in Paddy's Bar." Hier ging am Samstag, eine halbe Stunde vor Mitternacht, der erste, kleine Sprengsatz hoch, einen Augenblick später, schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, verwandelte die zweite, viel schwerere Autobombe den "Sari Club" in eine Feuerkugel und riss bisher 188 Menschen in den Tod.

"Paddy's Bar" ist ein Nachtklub mit leicht geschürzten Mädchen, der auch bei den Einheimischen großen Zulauf hatte, der "Sari Club" hingegen stand - zum Unmut des Gouverneurs von Bali - von jeher nur "westerners" offen, Australiern zumal.

Ivan, der 20-jährige Brite aus "Paddy's Bar", ist noch auf einem Ohr taub von der Explosion und sitzt die letzten Stunden vor dem Abflug nach Singapur in einem Strandrestaurant von Kuta, Balis großer Partyzone, in der bisher tagsüber gesurft und nachts getrunken wurde. Die Krankenschwester riet ihm, die Kopfwunde weiter behandeln zu lassen. Im Krankenhaus von Denpasar, der Inselhauptstadt, war am Wochenende für Kleinigkeiten keine Zeit mehr. "Überall um mich herum sind die Leute gestorben", murmelt der Brite und blickt auf den Ozean hinaus. Ein schwarzer Fleck steht dort am Horizont. Es ist ein Kriegsschiff der indonesischen Marine.

Kuta am Tag drei nach dem Terroranschlag: Der Strand ist morgens wie leer gefegt, die Surflehrer, Haareflechter, Masseure arbeitslos. Im "Hard Rock-Hotel" hat sich Australiens Generalkonsul mit Familienangehörigen zum Briefing zurückgezogen. Als die Glastüren des "Ballroom" nach zwei Stunden wieder aufgehen, ist für einige Eltern der Albtraum wahr geworden. Arme greifen tröstend nach ihnen, ein Militäroffizier notiert eine Telefonnummer auf ein Stück Papier und reicht sie an die Angehörigen der toten Jugendlichen weiter.

Wut der Verwandten

Es habe viel Wut während der Sitzung gegeben, sagt Ross Tysoe, der Konsul auf Bali, "aber das ist Teil des Prozesses". Die Familien wollen so rasch wie nur möglich Gewissheit über das Schicksal ihrer Söhne und Töchter, die vielleicht im "Sari Club" waren, als die Bomben explodierten. 22 der mittlerweile 46 identifizierten Toten an diesem Dienstag sind Australier, 160 gelten als "vermisst", was ebenso gut heißen kann: so stark durch Verbrennungen entstellt, dass eine Identifizierung erst nach langwieriger Untersuchung von Zähnen und DNA möglich ist.

Fünf Kühlcontainer sind am Dienstag auf dem Flughafen von Bali eingetroffen. Die Lagerung der Leichen war bis dahin das größte Problem. Im völlig überforderten Sanglah Hospital in Denpasar begannen sie schon, sich zu zersetzen.

Forensische Experten und Geheimdienstleute aus den USA, Australien und Großbritannien sind mittlerweile in Kuta am Werk und untersuchen den Krater, der vom "Sari Club" übrig blieb, wie den Einschlag eines außerirdischen Meteors. Die Grenze, die sie der Öffentlichkeit auf der Jalan Legian, der Amüsierstraße von Kuta, gezogen haben, verläuft dabei zwischen der "Espresso-Bar Mini" und dem "Bounty Club".

Dort stehen zwei große Räummaschinen. Knapp 50 Meter reicht dann die Sicht bis zu einem hohen blauen Plastikschutz, der sich von einer Straßenseite zur anderen wie ein OP-Vorhang spannt. Die Menge vor der Absperrung ist den ganzen Tag über dicht. Still schauen die Balinesen auf die blaue Folie.

"Die sind fertig", sagt Wolfgang Wimmer, ein österreichischer Tourist, der weit außerhalb von Kuta wohnt und nach dem Anschlag geblieben ist. Sein Job sei weg, hatte ihm ein Hotelangestellter in der Früh gesagt. Dafür ist gekommen, was Kutas Bewohner noch nie kannten - eine furchtbare Stille. (DERSTANDARD, Printausgabe, 16.10.2002)

Markus Bernath aus Kuta
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    Erschütterte Touristen trauern nach der gewaltigen Explosien auf der Ferieninsel

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