Sie sterben unbeachtet

15. Oktober 2002, 13:15
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Auch unter Mikroben schrumpft die Artenvielfalt - doch nur wenige kümmern sich darum

London - Zwei führende britische Forscher haben zur genaueren Erforschung von Kleinstlebewesen aufgerufen. Die Diskussion um aussterbende Spezies wird nach Ansicht von Lord May, Präsident der Royal Society, der britischen Akademie der Wissenschaften, und John Lawton, CEO des Natural Environment Research Council, nur über große Tiere wie Säuger und Vögel diskutiert. Die genauere Erforschung von Mikroben, die den eigentlichen Ablauf der Erde wesentlich mitbestimmen, fehle hingegen, so Lord May.

"Ein Grund für die hohe Rate und die Geschwindigkeit aussterbender Spezies ist zweifellos das Wachstum der Bevölkerung", so Lord May. "Die meisten Anstrengungen, Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, gehen eben in Richtung Säuger, wie zum Beispiel dem Panda, der wahrscheinlich ohnehin zum Aussterben verurteilt ist", erklärt der Wissenschaftler, der auch heftig kritisiert, dass immer noch zu wenig über die Tierarten des blauen Planeten bekannt ist. "Wir wissen nicht einmal zum Zehnerfaktor wieviel Spezies von Tieren die Erde bewohnen. Wenn auch die anderen unbekannten Arten so schnell aussterben wie die uns bekannten, stehen wir vor einer Ausrottung, die tausend Mal schneller vor sich geht als jede zuvor bekannte". Bisher sind rund 1,7 bis 1,8 Mio. Spezies bekannt. Das entspricht nach Angaben von BBC einer Zahl, die zehnmal größer ist als der Buchbestand in der US-Library of Congress. Der Forscher kritisiert, dass es nichts gebe, das einem "globalen Buch des Lebens" gleichkomme. "Wir verbrennen die Bücher in unserer biologischen Bibliothek schneller als wir sie lesen können", so Lord May.

"Immer noch leben wir auf einem Planeten, von dem wir nicht viel wissen"

Lawton schlägt ebenso kritische Töne an: "Wir konsumieren die Hälfte der gesamten Ressourcen des Planeten und die Rate wächst exponenziell. Sie verdoppelt sich alle 30 bis 50 Jahre. Politiker verstehen das offensichtlich nicht", meint der Wissenschaftler. Das fehlende Wissen erstreckt sich nach Ansicht von Lawton aber gerade auf jene Lebewesen, die die wichtigsten Prozesse des Lebens auf der Erde steuern. Nematoden, Faden-Würmer, die nur knapp einen Millimeter groß sind, produzieren jene Nahrung, die für das Pflanzenwachstum unerlässlich ist. "Wir wissen aber nicht wie viele dieser Lebewesen es tatsächlich gibt", so Lawton. "Immer noch leben wir auf einem Planeten, von dem wir nicht viel wissen".

Die Royal Society hat in der Zwischenzeit eine Arbeitsgruppe zur Identifikation von Lebensräumen und vom Aussterben bedrohter Arten gegründet. Im Wesentlichen entspricht das dem Sukkus des Earth Summit von Johannesburg. Bisher fehlt es aber an einem internationalen Konsens. "Die Katastrophe daran ist aber, dass der Verlust der Biodiversität als erstes wieder Menschen trifft, die ohnehin schon arm sind", so Peter Crane von den Royal Botanic Gardens in Kew, einer der größten Pflanzen-Datenbanken der Welt. Daneben werde der Ansatz der Nachhaltigkeit durch den Verlust der Arten immer weiter eingeschränkt. "Es ist keine Frage, dass es in einigen Gebieten der Erde schon sehr schlecht aussieht. Die Alarmglocken läuten, aber wir brauchen zuerst klare und glaubhafte Maße um diese Botschaft auch tatsächlich zu verbreiten", meint der Forscher. (pte)

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