Der Kampf David MSN gegen Goliath AOL geht in die nächste Runde

16. Oktober 2002, 10:54
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Für Microsoft geht es dabei zumindest im Moment weniger ums Geldverdienen

Selbst Microsoft ist manchmal in der Rolle des David, der gegen einen Goliath antritt. Beim Online-Dienst MSN mit seinen neun Millionen Mitgliedern ist das in den USA der Fall, wo AOL mit 35 Millionen Anhängern weiter unangefochten die Nummer eins ist - und dies auch bleiben möchte, ungeachtet all der Schwierigkeiten, die der Konzern in letzter Zeit hatte. Beide buhlen jetzt mit neuen Versionen ihrer Zugangssoftware um die Gunst der Kunden.

Party

Die Präsentation der neuen Programme, die beide die Nummer 8.0 tragen, wird jeweils von einer riesigen Party mit Rockstars und einer entsprechenden Werbekampagne begleitet. AOL 8.0 erschien in den USA am Dienstag, MSN 8.0 soll eine Woche später der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Für Microsoft geht es dabei zumindest im Moment weniger ums Geldverdienen als bei AOL. Der sieben Jahre alte MSN-Dienst hat noch nie Profit erwirtschaftet. Die Redmonder investierten aber 500 Millionen Dollar in die Entwicklung der neuen Software, 300 Millionen Dollar soll die Werbekampagne kosten.

"Wir glauben, dass das eines Tages ein großes Geschäft wird, so wie Windows oder Office"

Microsoft hofft, dass sich die Milliarden-Investitionen irgendwann in der Zukunft einmal auszahlen werden. "Wir glauben, dass das eines Tages ein großes Geschäft wird, so wie Windows oder Office", sagt Marketingdirektor Bob Visse unter Bezug auf die beiden größten Einnahmequellen von Microsoft.

Kontakt mit den Kunden

Für AOL geht es vor allem darum, wieder den Kontakt mit den Kunden zu finden, erklären Analysten. Den, so heißt es, habe das Unternehmen während des Internet-Booms verloren. Der Höhepunkt war wohl im Januar 2000, als der größte Coup aller Zeiten, die Übernahme des alteingessenen Medienhauses Time Warner durch AOL, bekannt gegeben wurde. Die Aktie war danach 72 Dollar wert. Dann kam der tiefe Fall - heute kostet das Börsenpapier gerade einmal zwölf Dollar. Etliche Manager verloren ihren Job. Einige Analysten sind der Ansicht, der Aktienkurs bewerte heute allein Time Warner. Es ist schon absurd, sagt David Joyce von der Investmentbank Guzman, "AOL scheint nichts mehr wert zu sein".

Der Kundenbestand sei für die Manager nur ein Mittel gewesen, um riesige Werbeverträge an Land zu ziehen. «Sie haben die Mitglieder benutzt, um immer bessere Quartalsergebnisse vorlegen zu können», sagt Jimmy de Castro, der neue Chef des AOL-Online-Dienstes. Der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung und wieder zu mehr Kundenfreundlichkeit soll AOL 8.0 sein. Und weitere Neuerungen sollen folgen, um den Dienst wieder attraktiver zu machen.

Ähnliches

Die Neuerungen in den beiden Zugangsprogrammen sind ähnlich. Es geht vor allem um mehr Möglichkeiten der persönlichen Anpassung und Verbesserungen im E-Mail-Programm, wo vor allem AOL große Fortschritte verspricht. Auch sollen unerwünschte Werbe-Mails, so genannte Spam-Mails, leichter herauszufiltern sein.

Für viele vielleicht überraschend, sind die AOL-Mitglieder ihrem Dienst trotz aller Kritik zum Beispiel am Mail-Programm und an sonstigen Unzulänglichkeiten der bisherigen Software treu geblieben. Einem Bericht der Marktforscher von Forrester Research vom Juni zufolge hat MSN weit größere Probleme seine Kunden zu halten als AOL. Von 2000 auf 2001 blieben MSN gerade 43 Prozent treu, bei AOL waren es 79 Prozent. Um das zu ändern, will MSN nicht nur die bessere Software bieten, sondern AOL auch preislich immer unterbieten, wie Visse ankündigte.

Riesige Möglichkeiten

Wie AOL darauf reagieren wird, ist noch nicht ganz klar. Aber der Konzern hat nach Ansicht von Analysten zum Beispiel mit dem Musik- und Filmfundus von Time Warner riesige Möglichkeiten. Mit der Zunahme von Breitbandzugängen wären Bezahlangebote in diesem Bereich sehr nahe liegend. Bei AOL wird das und vieles mehr derzeit noch geprüft. Viel wird für AOL aber auch von einem baldigen wirtschaftlichen Aufschwung abhängen, damit die Werbeeinnahmen wieder sprudeln.(APA/AP)

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